„Wir sind fast wunschlos glücklich“ – Hartmut Rosa über 20 Jahre Max-Weber-Kolleg

Das Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt feiert 2018 sein 20-jähriges Bestehen. Seit seiner Gründung verbindet es die Funktionen eines Institute for Advanced Study und eines Graduiertenkollegs bzw. Nachwuchskollegs und trägt wesentlich zum Forschungsprofil der Universität Erfurt bei. Zudem lockt es in jedem Jahr renommierte Wissenschaftler aus aller Welt in die Thüringische Landeshauptstadt. Grund genug, auf zwei Jahrzehnte erfolgreiches Wirken zurückzuschauen, aber auch einen Blick in die Zukunft zu wagen. „WortMelder“ sprach darüber mit Prof. Dr. Hartmut Rosa, dem Direktor des Max-Weber-Kollegs….

Herr Prof. Rosa, wie feiert das Max-Weber-Kolleg sein 20-jähriges Bestehen in diesem Jahr?
Wir wollen vor allem die Begegnung zwischen aktuellen Mitgliedern des Kollegs und Ehemaligen fördern. Dafür werden wir am 28. und 29. Juni gemeinsame Workshops durchführen und feiern unser traditionelles Sommerfest am Abend des 28. Juni. Am 29. Juni findet um 15 Uhr ein kleiner Festakt im Augustinerkloster statt, zu dem sich bereits alle ehemaligen Direktoren des Max-Weber-Kollegs angesagt haben. Wir freuen uns besonders, dass der Gründungsdekan, Prof. Dr. Wolfgang Schluchter, der in diesem Jahr 80 Jahre alt wird, dabei sein kann.

Das Max-Weber-Kolleg ist ja eine vergleichsweise kleine Einrichtung. Wie schaffen Sie es, im Konzert der großen Institute deutschland- oder auch weltweit hörbar mitzuspielen?
Dies ist für uns nur möglich, weil wir uns auf ein spezifisches Programm, das Webersche Forschungsprogramm, konzentrieren, das wir gegenwärtig als „Kulturvergleichende Analyse von Weltbeziehungen“ definiert haben und in dem wir interdisziplinäre Projekte aus den Sozial- und Kulturwissenschaften mit einer großen historischen Tiefe und einem Interesse für normative Fragen bearbeiten. Die internationale Aufmerksamkeit wird dabei in erster Linie durch die Wahrnehmung von Publikationen und Tagungen in der Fachwelt erreicht – hierfür sind die eingeworbenen Drittmittel, die es uns erlauben, international anerkannte Wissenschaftler nach Erfurt einzuladen, eine wichtige Voraussetzung. Daneben versuchen wir auch in die allgemeine Öffentlichkeit zu wirken – durch öffentliche Veranstaltungen und die Zusammenarbeit mit außeruniversitären Institutionen.

Welchen Beitrag leistet das Kolleg zum Profil der Universität Erfurt?
Das Profil der Universität ist in besonderer Weise durch die Interdisziplinarität geprägt und durch das Interesse, die Wissenschaften kulturwissenschaftlich zu fundieren und damit einen Beitrag zu gesellschaftlichen Herausforderungen zu leisten. Die neu gebildeten Schwerpunktfelder („Bildung. Schule. Verhalten“, „Religion. Gesellschaft. Weltbeziehungen“ und „Wissen. Räume. Medien“) bündeln die bereits vorhandene Forschung der Universität unter prägnante Überschriften. Wir sehen uns mit unseren diversen Forschungsgruppen als ein Vorreiter in dem Schwerpunktbereich „Religion. Gesellschaft. Weltbeziehungen“ und tragen auch zu den anderen beiden Schwerpunktbereichen bei. Dabei binden wir in unsere Projekte und Forschungsgruppen Vertreter aller Fakultäten ein, so dass hier starke kooperative Vorhaben entstehen. Darüber hinaus ist das Max-Weber-Kolleg federführend am Aufbau des Forums for the Study of the Global Condition beteiligt gewesen, einem Verbund der Universitäten in Erfurt, Halle, Jena und Leipzig, der insbesondere im länderübergreifenden regionalen Verbund Herausforderungen, dich sich im Zuge der Globalisierung stellen, bearbeiten will.

Was würden Sie als die größte „Errungenschaft“ bzw. den größten Erfolg des MWK betrachten?
Ich sehe hier zwei wichtige Aspekte: Einerseits sind wir sehr stolz darauf, mit unserem strukturierten Studienprogramm das für das Erfurter Promovenden und Postdoktoranden-Programm beispielgebend war, Qualitätsstandards für die Betreuung von Nachwuchswissenschaftlern gesetzt zu haben, die sich bewährt haben und sich unter anderem im Graduiertenforum der Universität Erfurt niederschlagen, so dass Nachwuchswissenschaftler an der Universität Erfurt gute Bedingungen für ihre Förderung finden. Andererseits ist einer der größten Erfolge für uns, dass wir mit unserem Forschungsprogramm einer kulturvergleichenden Analyse von Weltbeziehungen den Wissenschaftsrat überzeugen konnten, hierfür einen Forschungsbau auf dem Campus der Universität Erfurt zu errichten. Gegenwärtig läuft hier ein Architektenwettbewerb und wir sind sehr gespannt auf die Vorschläge, die es der Universität ermöglichen werden, an zentraler Stelle auf dem Campus das Max-Weber-Kolleg als den Knotenpunkt oder Herz kooperativer Forschungsprojekte zu etablieren.

Und vor welchen Herausforderungen steht das Kolleg aktuell bzw. in naher Zukunft?
Gegenwärtig sind wir dank vielfältiger Drittmittelvorhaben so stark gewachsen, dass wir weiter an der internen Kommunikation und einem effizienten Management der vielfältigen Projekte und Vorhaben arbeiten müssen. Hinderlich ist hier, dass wir für eine Übergangszeit, bis der Forschungsbau fertiggestellt ist, nicht am Campus, sondern am Steinplatz untergebracht sind. Außerdem haben wir uns neue – teils sehr komplexe und anspruchsvolle – Forschungsprojekte vorgenommen, die auch in der Vorbereitung von entsprechenden Anträgen viel Zeit verschlingen. Doch gerade diese inhaltlichen Herausforderungen sind, es die uns antreiben und deren Erarbeitung auch Freude bereitet.

Wenn alles nach Plan läuft, zieht das Max-Weber-Kolleg 2021 – neben einigen weiteren Forschergruppen – in den erwähnten Forschungsneubau ein. Der Wissenschaftsrat hat 2016 „grünes Licht“ für den Bau gegeben. Keine Selbstverständlichkeit für eine geisteswissenschaftliche Hochschule. Mit dem Bau soll nun die Umsetzung eines langfristigen Forschungsprogramms zum Thema „Attraktion, Repulsion, Indifferenz – eine kulturvergleichende Analyse von Weltbeziehungen“ ermöglicht werden. Worum genau geht es da und wie stützt der Neubau dieses Vorhaben?
Dieses Forschungsprogramm schließt an die interdisziplinäre, historisch vergleichende kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung des Max-Weber-Kollegs an. Es verfolgt das Ziel, mit einem spezifischen Zugriff, der seine Wurzeln in der verstehenden Soziologie (Max Weber) hat, innovative Perspektiven zu eröffnen, die eurozentrische sowie kognitivistisch verengte Sichtweisen überwinden. Auf diese Weise will es einen Beitrag zur Bearbeitung gesellschaftlich relevanter Problemstellungen der Gegenwart leisten, etwa in Bezug auf das Verständnis der Rolle materieller, ideeller wie kultureller Bedingungen für ein gelingendes Zusammenleben in pluralistischen Gesellschaften, die Schaffung gemeinsamer Sprachen zur narrativen Erschließung des kulturellen Erbes oder die Verständigung über wesentliche Wertkomplexe in der Moderne. Die zur Bearbeitung dieses Forschungsprogramms erforderliche Kollegstruktur ist durch Interdisziplinarität, Interkulturalität, Intergenerationalität und Intersektoralität gekennzeichnet. Sie wird durch den Forschungsbau im Zentrum des Campus der Universität Erfurt zur Entfaltung gebracht, der durch eine spezifische bauliche Ausgestaltung das inhaltliche Anliegen des Forschungsprogramms räumlich erst umzusetzen erlaubt. Das Raumkonzept der Präsentations-, Kommunikations- und Reflexionszonen soll über die Bereitstellung von Räumen und Flächen unterschiedlicher Größe und Funktion (öffentliche Präsentationsbereiche, halböffentliche Kommunikationszonen und nicht-öffentliche Reflexionsräume) anders als standardisierte Bürogebäude die variierende Gruppierung von interdisziplinären Arbeitsteams (etwa durch flexible Wände) sowie den spontanen wie verabredeten Gedankenaustausch ermöglichen. Es sieht räumliche Kommunikationsknotenpunkte vor, die kreativitätsförderliche und resonante Begegnungssphären bieten und so in Architektur und Raumkonzept Impulse für die inhaltliche Arbeit geben und unterschiedliche Weltbeziehungen erfahrbar machen.

Wenn Sie sich für das MWK etwas wünschen dürften, was wäre das?
Wir sind wir fast wunschlos glücklich – naja, wir hätten gerne mehr Zeit (lacht). Wir haben interessante Forscher am Kolleg, die uns inspirieren, ein tolles Team, das uns – speziell meinen Co-Direktor, Jörg Rüpke; die Geschäftsführerin Bettina Hollstein und mich – in wissenschaftlichen und administrativen Fragen unterstützt, Rückendeckung von Universität und Land sowie Anerkennung für unsere Arbeit im nationalen und internationalen Kontext. Wenn ich mir also trotzdem etwas wünschen würde, dann wäre das eine Vereinfachung von administrativen Vorgängen und der IT-technischen Unterstützung sowie zur Vereinfachung von Verfahren zur Qualifizierung unserer Postdoktoranden, sodann die Wiederermöglichung der Federführung kooperativer Habilitationsverfahren mit den Fakultäten. Das wollen wir versuchen, in Zusammenarbeit mit den Fakultäten auf den Weg zu bringen.