Juergen Zangenberg

Willkommen, welcome, welkom: Prof. Dr. Jürgen Zangenberg ist neuer Fellow am Max-Weber-Kolleg

Seit 2008 werden am Hügel Horvat Kur am Nordufer des Sees Gennesaret im Norden Israels im Rahmen des internationalen Kooperationsprojektes „Kinneret Regional Project“ Ausgrabungen durchgeführt. Beteiligt an den archäologischen Untersuchungen ist auch Jürgen Zangenberg, Professor für Antikes Judentum und Frühes Christentum an der niederländischen Universität Leiden. Für ihn ist dabei vor allem ein Ausgrabungsschwerpunkt interessant: eine Synagoge aus spätrömisch-byzantinischer Zeit (ca. 300–650 n.Chr.). Den gebürtig aus Erlangen stammenden Neutestamentler interessiert, welchen Zweck das Gebäude für seine Erbauer erfüllte und welche gefundenen Objekte welche Funktionen im Gesamtzusammenhang der Synagoge hatten. Sein Projekt „Liturgie und Archäologie in der Synagoge von Horvat Kur/Galiläa“ führte ihn nun an das Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt, wo er bis Ende Juni als Fellow im Research Centre „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ forscht. Eine Kurzvorstellung:

Herr Zangenberg, einmal ganz einfach gesagt: Wie würden Sie einem Kind Ihr jetziges Forschungsprojekt erklären?
Ich möchte verstehen, was die jüdischen Bewohner des Dorfes Horvat Kur in Galiläa zu ihrer Zeit in der Synagoge getan haben. Dabei will ich vor allem nach den archäologischen Funden schauen. Diese sind oft nicht leicht zu verstehen, weil vieles verlorengegangen ist. Was können uns die übriggebliebenen Mauern und Funde über die Rituale und Handlungen sagen, die die Dorfbewohner in diesem Gebäude vor 1.500 Jahren praktiziert haben? Warum war den Dorfbewohnern das Gebäude so wichtig, dass sie es besonders ausgestattet haben? Wie war dieses Gebäude eingebunden in das tägliche Leben der Dorfbewohner?

Gibt es eine Station in Ihrem Leben, die Sie am besten auf die Forschung in diesem Projekt vorbereitet hat?
Eigentlich gibt es keine einzelne „Schlüsselanekdote“. Wohl aber gab es immer wieder Menschen, die mich bei meinem Interesse an Altertum und Archäologie inspiriert und neue Wege eröffnet haben. Dazu gehören mein Gemeindepfarrer und mein Religionslehrer, die mir als Abiturienten den Weg zum Theologie-Studium schmackhaft gemacht haben, mein neutestamentlicher Lehrer und späterer Doktorvater in Heidelberg, der Texte genussvoll gegen den Strich gebürstet und mir die Vielfalt frühchristlicher Gedankenwelten und Kontexte nähergebracht hat, sowie meine archäologischen Mentoren in Galiläa und Jerusalem, die mir die Welt des antiken Judentums auf ganz neue Weise erschlossen haben. Ohne sie wäre ich nicht der, der ich nun bin.

Beschreiben Sie doch einmal das jüdische Ritual, dass Sie am meisten fasziniert!
Ich sehe die Synagoge voll mit Menschen, die auf dem Boden, den Sitzbänken und der Empore sitzen und zur großen steinernen Plattform an der Südmauer blicken. Es riecht nach Weihrauch. Der Gesang hat gerade geendet. Jemand steht vom Steinsitz auf, steigt die Treppe zur Plattform hinauf und holt eine Schriftrolle aus dem Holzschrank. Die Augen aller Besucher sind auf ihn gerichtet und er beginnt zu lesen.

Kurz und knackig: Ihr Forscheralltag in drei Worten?
Lesen, schreiben, nachdenken.

Mal in die Zukunft gesponnen: Welche Fragestellungen könnten die Ritualforschung in zehn Jahren beschäftigen?
Angesichts einer sich durch die Digitalisierung rapide verändernden Welt könnte ich mir vorstellen, dass „Rituale im Internet“ oder „Rituale angesichts der fortschreitenden gesellschaftlichen Individualisierung“ eine zunehmende Rolle spielen. Welche Gewohnheiten haben eine Chance, zu Ritualen zu werden? Welche Rituale bleiben in unseren Gesellschaften so stark verankert, dass sie als Gewohnheiten weiterhin den Alltag prägen? Können „intelligente“ Computer auch Rituale entwickeln?

Vom Angelurlaub bis zur Zahnseide: Was ist Ihr persönlich „heiligstes“ Ritual?
Beim Nachhausekommen die Straßenschuhe ausziehen, um wirklich zu Hause anzukommen. Klingt nach wenig, bedeutet mir aber viel!

VIP: Welcher jüdische Wissenschaftler, Gelehrte oder Künstler hat Sie im Leben geprägt?
Besonders wichtig für meinen akademischen Weg waren die beiden jüdischen Wissenschaftler Prof. Dr. Eric und Carol Meyers, die mich als jungen Doktoranden nach einer nur kurzen Begegnung 1993 als staff member zu ihren Ausgrabungen nach Sepphoris in Galiläa mitgenommen haben. Während vier langer Kampagnen 1993, 1994, 1996 und 1997 durfte ich von Carol und Eric nur viele praktische Erfahrungen als Mitglied einer Grabungsleitung und angehender Galiläaforscher machen. Beide haben mich durch ihren eigenen Weg vor allem in meinem Wunsch bestärkt, Textzeugnisse und materielle Kultur als gleichwertige Quellen bei der Rekonstruktion vergangener kultureller Lebensäußerungen zu behandeln.

Ein abschließendes Wort: Ohne Rituale wäre die Welt…
… ärmer, aber vielleicht etwas weniger kompliziert?

Mehr Informationen: