Luise Frenkel

Von São Paulo nach Erfurt über Cambridge, Rom und Birmingham: Luise Frenkel kehrt ans Max-Weber-Kolleg zurück

Prof. Dr. Dr. Luise Frenkel, die seit 2013 Professorin für klassisches Griechisch an der Universidade de São Paulo in Brasilien ist und von Dezember 2015 bis Februar 2016 schon einmal in Erfurt geforscht hat, ist als Fellow an das Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien zurückgekehrt. Wir haben sie getroffen und ihr einige Fragen zu ihrem Forschungsaufenthalt gestellt:

Frau Frenkel, woran forschen Sie gerade?
Ich forsche an der schriftlichen Darstellung von Mehrheitsentscheidungen und Konsensfindung in der Spätantike, besonders an der Kommunikation zwischen abgeordnete Gruppen und Behörden des römischen Kaiserreiches. Es geht darum, wie z.B. in Bischofsversammlungen Entscheidungen fielen oder eher, wie das literarisch glaubwürdig dargestellt wurde. Bei genauerer Betrachtung der kollektiven Redewendungen häufen sich Beispiele, die zeigen, dass in den Gruppen nicht einheitlich entschieden wurde, oder dass man eine Entscheidung nicht für die eigene Gruppe als aussagefähig ansah. Das alles hat mit der Bedeutung von schriftlichen Urkunden in der griechisch-römischen Antike zu tun, besonders mit den Änderungen im römischen Recht im 4. und 5. Jahrhundert.

Das Thema Ihres Forschungsprojektes lautet „The authority of consensus in Late Antiquity: narratives of popular, senatorial and synodical unanimity“. Was geschieht mit den Ergebnissen?
Es soll beispielsweise ein Buch daraus entstehen, denn das Thema der Verbindlichkeit von Konsensbildungsprozessen ist wichtig und ich habe Neues dazu zu sagen. Ich überarbeite jetzt die Beispiele mit dem historischen Material, zu dem ich hier in Erfurt Zugang habe. Zudem beende ich zwei Kapitel, die in Sammelbänden bei Brepols und Humanitas erscheinen werden. Das erste soll die Bedeutung syrischer Handschriften für das Studium spätantiker Texte zeigen. Im zweiten geht es um historiografische Fragen, insbesondere die Durchsetzung römischer Rechtsprechung im Bereich religiöser Praktiken, die für die römische Identität wichtig waren. Hier beziehe ich mich vor allem auf Episoden aus der sogenannten diokletianischen Christenverfolgung. Beide Kapitel speisen sich aus meiner Arbeit am Max-Weber-Kolleg – vor allem der Kolleg-Forschergruppe „Religiöse Individualisierung“ – da darin die literarischen Strategien hinter den Narrativen erforscht werden, die später als Traditionen aufgefasst wurden. Für Gesellschaften, die sich vor allem mündlich verständigten, waren diese Strategien nicht selbstverständlich, und es ist faszinierend zu beobachten, wie Ideen verschriftlicht, kopiert und übersetzt wurden.

Ihr erster Doktortitel ist in Angewandter Mathematik. Gibt es eine Überschneidung zwischen diesem Forschungsfeld und dem, woran Sie jetzt arbeiten?
Nicht direkt. Aber die Art und Weise, wie ich die antiken Texte bearbeite, ist doch von der strukturierten Arbeit und den Semantiken in der Angewandten Mathematik beeinflusst, die der philosophischen Logik sehr naheliegt. Wenn ich eine Klammer öffne, muss ich sie auch irgendwo wieder zumachen.

Liest man Ihren Lebenslauf, bekommt man den Eindruck, dass Sie in der Welt zu Hause sind. Warum wollten Sie nach Erfurt und ans Max-Weber-Kolleg zurückkommen?
Dass ich hier sein kann, ist wunderbar. Keine Bibliothek hat alles, kein Forschungszentrum widmet sich nur den Themen, die für meine Forschung zutreffen, aber hier kommt viel Gutes zusammen. Hier treffe ich herausragende Forscherinnen und Forscher, und kurze und längere Projekte sind gut ausgeglichen. Das Max-Weber-Kolleg ist äußerst dynamisch, es fordert und fördert den Austausch unserer theoretischen und methodologischen Grundlagen und stärkt sie. Das gegenseitige Lesen und Diskutieren unserer Arbeiten im kritischen interdisziplinären Dialog bei Kolloquien und Tagungen bringt mich voran. Die vorige Erfahrung zeigt klar, sie werden die Ergebnisse meiner Forschungen auf lange Zeit beeinflussen. Zudem sind alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen äußerst freundlich und vertraut mit den spezifischen Bedürfnissen. Es entlastet mich wesentlich, sodass ich mich ganz meiner Arbeit widmen kann. Hier fühle ich mich sehr gut aufgehoben und betreut.

Reizt Sie Erfurt auch als Stadt?
Eigentlich kenne ich bisher nur das Dreieck zwischen Stadtzentrum, Campus und Max-Weber-Kolleg und das gefällt mir sehr gut. Ich kann alles erlaufen und kann eine große Auswahl an Kultur erleben. So wie in Cambridge ist man vom mittelalterlichen Ambiente umgeben, und der Umriss der Altstadt gefällt mir sehr gut. Dort erfreute ich mich an der vielfältigen musikalischen Gestaltung der täglichen Evensongs, hier begleiten mich die Glocken durch jeden Tag…