Dr. Sigrid Heinecke

Lehrerbildung zwischen Anspruch und Mangel

Die Engpässe in Thüringens Lehrerzimmern sind prekär. Sagt die Bildungsgewerkschaft GEW und zieht im Herbst eine ernüchternde Bilanz. Angesichts steigender Schülerzahlen und der Herausforderungen inklusiver Lernkonzepte würden auch zusätzliche Einstellungen die Personalsituation in den kommenden zwei Jahren nicht signifikant entlasten, fürchtet die Gewerkschaft. Genau diesen Herausforderungen stellt sich die Universität Erfurt in der Lehramtsausbildung. Unter anderem in dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt QUALITEACH, in dem sie Entwicklungsfelder bearbeitet, die Lehramtsstudierende auf den professionellen Umgang mit den Anforderungen eines modernen Schulalltags vorbereitet. QUALITEACH stellt am 1. November im Rahmen einer Tagung an der Universität Erfurt erste Ergebnisse aus der Arbeit der vergangenen zwei Jahre vor und möchte mit Fachleuten und Praxisvertretern dazu ins Gespräch kommen. Neben einem Impulsvortrag des renommierten Soziologen  Prof. Dr. Hartmut Rosa (Uni Erfurt), der über Resonanzpädagogik sprechen wird, sind verschiedene Workshops geplant – z.B. zum inklusiven Unterricht, zu Gesprächen im problemorientierten Unterricht oder zur Unterrichtsforschung. An diesem Tag soll es aber auch ganz konkret um die „Lehrerbildung zwischen Anspruch und Mangel“ gehen. Dr. Sigrid Heinecke wird den gleichnamigen Workshop leiten. „WortMelder“ sprach mit ihr darüber…

Frau Dr. Heinecke, Unterrichtsausfall, Lehrkräftemangel, was läuft schief an Thüringens Schulen bzw. an der Schulpolitik des Landes?
Nach meinen jüngsten Schulbesuchen in Thüringer Schulen kann ich sagen: Schulleiter_innen und Lehrer_innen stellen sich gemeinsam mit vielen weiteren pädagogischen Akteur_innen sehr engagiert den vielfältigen Herausforderungen des Schulalltags. Und trotz pfiffiger Lösungen – oft aus der Not heraus –  kann man die prekäre Personalsituation in der Mehrheit der 1.009 Schulen nicht ignorieren.

Wie ist diese Situation entstanden?
Gegen Ende der 1990er-Jahre kam es als Folge des starken Geburtenrückgangs in Thüringen zu einem Einbruch der Schülerzahlen. Um das Lehrpersonal nicht entlassen zu müssen, wählte der Freistaat den Weg des „Floatings“, aber aufgrund des Lehrerüberhangs gab es fast 15 Jahre lang kaum Neueinstellungen. Dies rächt sich heute in den Lehrerzimmern und Klassenräumen: Der Altersdurchschnitt der Lehrer_innen liegt bei 51,3 Jahren und 41,3 % sind älter als 55 Jahre, aber nur 14,6 % jünger als 40 Jahre, fast 1000 Lehrkräfte sind dauerkrank. Mit einer starken Erhöhung der Einstellungszahlen, der Verbeamtung der Lehrkräfte und der Veränderung von Zugangsbedingungen zum Lehrerberuf will die Landesregierung dem Lehrermangel begegnen. Aber dabei konkurriert sie mit den anderen, vor allem neuen Bundesländern, in denen noch über Jahre der Bedarf an Grundschul-, Regelschul-, Berufsschullehrer_innen und Förderpädagogen höher sein wird als die Zahl der Studienabgänger_innen.

Die Uni Erfurt bildet von Beginn an Lehrkräfte für Grund-, Regel-, berufsbildende Schulen und Förderschulen aus. Nicht genug?
Über viele Jahre haben nur wenige unserer Absolvent_innen einen Platz im Vorbereitungsdienst in Thüringen erhalten und sind in andere Bundesländer oder andere Berufe abgewandert. Die wenigsten von ihnen kann man zurückholen. Wir haben in den vergangenen beiden Jahren die Zahl der Studienanfänger_innen für die Bachelor-Studiengänge, die zum Lehramt Grundschule und Förderpädagogik führen, erhöht und stoßen damit an die Grenzen unserer Lehr- und Betreuungskapazitäten. Die Zahl der Interessenten für das Regelschullehramt ist leider in den vergangenen drei Jahren rückläufig, wobei die Gründe noch nicht eindeutig identifiziert sind. Und mit Mathematik und Technik haben wir nur zwei MINT-Fächer im Studiengangsportfolio, doch gerade in diesem Bereich ist der Lehrermangel groß. Ungünstig ist auch, dass in Thüringen zwischen Studienabschluss im September und Einstellung in den Vorbereitungsdienst im Februar eine zeitliche Lücke entsteht, in der die Absolvent_innen in anderen Bundesländern eine Einstellungszusage erhalten.

Die Uni Erfurt bietet ein besonderes Modell des Lehramtsstudiums an. Wie funktioniert es und was sind die Vorteile des Modells gegenüber anderen?
Das für die Lehrerbildung lange umstrittene Bachelor/Master-Modell, das wir seit 2003 etabliert haben, hat sich in seiner Polyvalenz bewährt. Erst nach dem Bachelor müssen sich die Studierenden für oder gegen den Lehrerberuf entscheiden. Bis dahin haben sie bereits drei Schulpraktika absolviert und erste Erfahrungen gesammelt. Aktuell entwickeln wir in unserem Teaching Talent Center Assessment- und Beratungsangebote, die die Studierenden bei der Berufswahlentscheidung unterstützen. Besonderes Merkmal der Erfurter Lehrerbildung sind die im Curriculum verankerten und universitär begleiteten orientierenden, bildungswissenschaftlichen und fachdidaktischen Schulpraktika über den gesamten Studienverlauf hinweg. Für die Studierenden ist das Komplexe Schulpraktikum im 9. oder 10. Semester ein prüfungsfreier Erprobungsraum, in dem sie ihr persönliches Profil als Lehrkraft entwickeln können. Für die Grundschule bilden wir in vier Fächern aus, davon in einem Schwerpunktfach, das auch über die Grundschule hinaus unterrichtet werden kann. Zudem haben wir mit dem seit diesem Wintersemester akkreditierten Studiengang M.Ed. Berufsbildende Schule auch ein Modell der akademischen Ausbildung für Seiteneinsteiger im Angebot.

Wie bereitet die Uni Erfurt ihre Studierenden auf die aktuellen Herausforderungen – zum Beispiel Inklusion und Interkulturalität – im Schulunterricht vor?
Jeder Lehramtsstudierende absolviert ein Modul zu Fragen der Heterogenität und Inklusion. In unserem durch die Qualitätsoffensive Lehrerbildung geförderten Kompetenz- und Entwicklungszentrum Inklusion erarbeiten wir mit Dozierenden der Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften Ansätze für inklusives Unterrichten, Erziehen und Beraten und die Entwicklung einer inklusiven Schule. Außerdem bauen wir eine Datenbank für Lehr-Lern-Videos auf, mit denen sich Studierende auf die Praxis inklusiven Unterrichts vorbereiten können. Es gibt zudem erste Angebote für die Ausbildung „Deutsch als Zweitsprache. Für größere Studierendenzahlen fehlen leider die Kapazitäten, aber hier und zu Fragen der Interkulturalität können wir uns eine enge Kooperation mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena vorstellen. Im Gegenzug bieten wir unsere langjährige Expertise im Bereich Sonderpädagogik und Inklusion an.

Es gibt viele junge Leute, die ein Lehramtsstudium aufnehmen möchten – aber nicht jeder ist zum Lehrer geboren. Manche stellen das erst während des Studiums fest. Was dann?
Die Polyvalenz unseres Studienmodells ist immer in mehreren Richtungen anschlussfähig. Neben Angeboten für einen Master of Education für vier Lehrämter können Studierende wissenschaftliche Master-Studiengänge wählen, zum Beispiel den hiesigen Master „Kinder- und Jugendmedien“. Und wer zunächst in die berufliche Praxis gehen möchte, hat mit seinem Zwei-Fach-Bachelor einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss erworben. Uns ist es wichtig, dass Studierende mit dem Ziel, Lehrer_in zu werden, Studienelemente absolvieren, um ihre Eignung als Lehrer_in zu testen, und dass diese durch individuelle Beratungs- und Trainingsmaßnahmen ergänzt werden.

Man lernt ja bekanntlich nie aus. Das gilt besonders für den Lehrerberuf. Welche Rolle spielt das Thema Weiterbildung in diesem Bereich an der Uni Erfurt?
Lebenslang zu lernen ist quasi Markenzeichen jeder erfolgreichen Lehrperson. Dafür wollen wir  bereits im Studium die Grundlagen legen: durch die Förderung selbstbestimmten Lernens in unserer Hochschullernwerkstatt und die Ausbildung einer forschenden Haltung im Forschungslabor MasterMind. Derzeit wird an unserer Universität an einem berufsbegleitenden Modell für das Lehramt an Berufsbildenden Schulen gearbeitet. Wir bieten einen erprobten berufsbegleitenden Studiengang für das Unterrichtsfach Mathematik an, dessen Abschluss bei bereits ausgebildeten Lehrer_innen zur Lehrbefähigung für dieses Fach führt. Im Akkreditierungsprozess befindet sich zudem der berufsbegleitende Studiengang M.A. Inklusive Pädagogik, der im Wintersemester 2018/19 an den Start gehen soll. In Kooperation mit dem Thillm bieten wir Fortbildungen zu fachdidaktischen und bildungswissenschaftlichen Themen an.

Noch ein Wort zur QUALITEACH-Tagung: Was erwarten Sie von dieser Veranstaltung und was sind die nächsten „Meilensteine“ für das Projekt?
Wir möchten am 1. November einen lebendigen Einblick in die Zwischenergebnisse der Teilprojekte der durch die Qualitätsoffensive Lehrerbildung geförderten Teilprojekte ermöglichen und weitere Partner aus der Wissenschaft, der Hochschullehre, den Phasen der Lehrer_innenbildung und der Thüringer Schulen für unsere Ideen aufschließen und zum Mitmachen gewinnen. Hier soll es auch ausreichend Gelegenheit geben, aktuelle bildungspolitische Fragen, wie jene der Personalentwicklung und -gewinnung. mit verschiedenen Akteuren zu diskutieren. Interessante Ansätze und Produkte sind entstanden, werden erprobt und in ihrer Wirksamkeit evaluiert. Unter dem Dach der Erfurt School of Education in enger Zusammenarbeit mit dem Präsidium arbeiten wir daran, wie wir die Ergebnisse verlässlich in die Studienstrukturen unserer Lehramtsstudiengänge implementieren und damit nachhaltig die Erfurter Lehrerbildung verbessern können. Und natürlich beginnt auch der Diskussionsprozess darum, welche Schwerpunkte wir für die zweite Förderphase der Qualitätsoffensive setzen wollen.

Weitere Informationen zur Tagung „Lehrerbildung erleben, Lehrerbildung gestalten“, am 1. November an der Uni Erfurt finden Sie auf unserer Website unter: www.uni-erfurt.de/qualiteach/veranstaltungen/lehrerbildung-erleben-lehrerbildung-gestalten.