Prof. Dr. Birgit Schäbler

Narakom qariban, Frau Professor Schäbler!

Birgit Schäbler, Professorin für die Geschichte Westasiens an der Universität Erfurt, wird zum 1. Oktober Direktorin des Orient-Instituts Beirut der Max Weber Stiftung. Was sie dort erwartet und wie es mit ihrer hiesigen Forschung sowie dem von ihr initiierten MA-Doppelabschlussstudiengang „Geschichte und Soziologie/Anthropologie des Vorderen Orients in globaler Perspektive“ (MESH) weitergeht, erzählte sie „WortMelder“.

Frau Prof. Schäbler, Sie gehen für einige Jahre in den Libanon als Direktorin des Orient-Instituts Beirut. Was reizt Sie an dieser Tätigkeit?
Das Orient-Institut Beirut ist –mit einer Außenstelle in Kairo und einem weiteren Institut in Istanbul – die führende Institution deutscher Forschung in der arabischen Welt, die weit in die Region ausstrahlt. Hinzu kommt, dass es in Beirut die besten alteingesessenen Universitäten gibt. Die neue Position gibt mir deshalb die Möglichkeit, in einem viel größeren Rahmen zu agieren. Ich habe bereits meinen Fachbereich an der Universität Erfurt als eine Art wissenschaftliches Drehkreuz in die Region des Nahen und Mittleren Ostens (Westasien) verstanden und zahlreiche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus der Region als Humboldt-Fellows, DAAD-Gastwissenschaftler, Vortragsgäste, Promovierende und Studierende nach Erfurt geholt und betreut. Es ist für mich von größter Wichtigkeit, dass der wissenschaftliche Austausch mit gerade dieser im Augenblick so krisengeschüttelten Weltregion besteht und weiter ausgebaut wird.

…und was erwartet Sie dort politisch? Der Libanon gehört ja zu Ihren Forschungsgebieten und Sie kennen sich gut mit dem Land aus. Worauf stellen Sie sich ein?
Die sogenannte „Levante“ ist in der Tat lange mein Forschungsthema gewesen, vor allem Syrien, das von einem katastrophalen Krieg heimgesucht wird. Im Libanon befinden sich etwa so viele syrische Flüchtlinge wie bei uns – der Libanon hat aber nur vier Millionen Einwohner. Ein gutes Viertel der Bevölkerung dieses kleinen Landes (es ist etwa halb so groß wie Hessen) sind also Flüchtlinge. Man sieht sie im Stadtbild nicht, sie leben unter durchaus problematischen Bedingungen an der Grenze, aber das Thema ist allgegenwärtig, ohne dass es bisher zu solchen politischen Verwerfungen geführt hat wie bei uns. Der Krieg im Nachbarland und überhaupt die großen Spannungen der internationalen Politik sind im Augenblick stark spürbar. Beirut ist eine quirlige Hauptstadt, die man kulturell in einer Reihe mit Berlin, London oder Paris nennen kann, auch wenn sie natürlich viel kleiner ist. Für das Forschungsprofil, das ich plane, ist der Libanon mit seinen 18 anerkannten Religionsgemeinschaften und mit seiner Lage am östlichen Mittelmeer bestens geeignet. Und: Der Libanon ist ein wunderschönes Land, es gibt Panorama-Blicke die spektakulär sind – auch wenn der Beiruter Alltag hektischer ist als in Erfurt.

Damit wechseln Sie von einer wissenschaftlichen Position an der Uni Erfurt zu einer eher administrativen. Werden Sie trotzdem weiterhin wissenschaftlich arbeiten?
Auf jeden Fall! In der Forschung möchte ich mit dem Institut ein Thema weiterentwickeln und ausbauen, das mich seit einiger Zeit beschäftigt und zu dem ich im vergangenen Jahr auch eine Arbeitsgruppe im Historischen Seminar gegründet habe: das Thema „Beziehungen“. Beziehungen liegen jeder Gesellschaft oder Vergesellschaftung zugrunde, sie regulieren sowohl das persönliche als auch das staatliche und sogar das internationale Leben – nicht umsonst gibt es die „Internationalen Beziehungen“ als wissenschaftliches Fach. Bis jetzt habe ich die Geschichte der Beziehungen zwischen Europa und dem Orient erforscht, zuletzt in meinem Buch über den großen Disput, den Ernest Renan mit muslimischen Intellektuellen angezettelt hat und an dem man sehen kann, wie sehr die Entstehung des modernen Islam mit Europa verflochten ist. Nun möchte ich historisch-anthropologisch stärker die Art der Beziehungen selbst in den Fokus nehmen. Die Geschichtswissenschaft müsste in der aktuellen Diskussion viel stärker gehört werden. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann angemessen über die Zukunft nachdenken.

Und was die Administration angeht: Auch die Leitung eines Fachbereiches verlangt heute einiges an Organisation ab. Ein Team zu führen, ein Budget zu akquirieren und zu verantworten, über Ausstellungen und andere Mittel in die Gesellschaft zu wirken und dabei wichtige Impulse in die Forschung zu geben – das sind die Aufgaben, die sowohl eine Professorin als auch die Direktorin eines Forschungsinstituts erfüllen muss. Natürlich ist so ein Institut um ein Vielfaches größer.

Zuletzt haben Sie das Doppel-Master-Programm MESH an der Uni Erfurt betreut. Wie geht es mit dem Studiengang jetzt weiter?
Ich werde weiter über den Studiengang „wachen“ und das Orient-Institut in geeigneter Weise einbeziehen, etwa über Summer oder Winter Schools und andere geeignete Formate. Mein Vertreter vor Ort in Erfurt wird Prof. Dr. Omar Kamil aus Leipzig. Er wird auch die Flüchtlingsbildungsinitiative, die ich am Seminar gegründet habe, weiterführen.

Vielen Dank für das Gespräch und narakom qariban (arab. bis bald), Frau Professor Schäbler!