Prof. Dr. André Brodocz

Nachgefragt: „Wie überraschend ist der Wahlausgang, Prof. Brodocz?“

Deutschland hat gewählt. 75,6 Prozent der deutschen Bürgerinnen und Bürger gaben in diesem Jahr ihr Votum zum 19. Bundestag ab. Nun sind die Stimmen ausgezählt und die vorläufige Sitzverteilung steht fest. Doch wie vorhersehbar war das Ergebnis – und die ersten Konsequenzen, die daraus gezogen? „WortMelder“ hat bei André Brodocz, Professor für Politische Theorie an der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt, nachgefragt: „Wie überraschend ist der Wahlausgang, Prof. Brodocz?“

„Der Wahlausgang war im Angesicht der letzten Umfragen wenig überraschend. Allein die CDU/CSU hat mit 33% mehr Stimmen verloren, als sich zuletzt abgezeichnet hatte. Insgesamt ist die Union mit ihrem Stimmenanteil aber auf der Höhe der Ergebnisse, die mit Angela Merkel 2005 (35,2%) und 2009 (33,8%) erreicht worden. Bei ihrem letzten Ergebnis 2013 (41,5%) profitierte die CDU/CSU von der damaligen Krise der FDP. Die Union hat dennoch diesmal ihre strategischen Ziele erreicht: Stärkste Fraktion und keine Regierungskoalition ist ohne sie möglich.

Mehr Überraschungen boten dann die Reaktionen auf dieses Ergebnis. SPD-Kanzler-Kandidat Martin Schulz trat in der Berliner Runde so auf, wie man es im Wahlkampf von ihm erwarten musste, aber vermisst hatte, während er im Wahlkampf den Eindruck vermittelte, bereits die große Koalition zu verhandeln. Offensichtlich kämpft er bereits um seine politische Zukunft, da er sich nicht mehr in der Lage sieht, den Partei- und Fraktionsvorsitz zu beanspruchen. Überraschend war dann auch, dass sich die Chefredakteure von ARD und ZDF wenig verantwortlich dafür gesehen haben, in den vergangenen Wochen die Agenda im Sinne der AfD gesetzt zu haben. Sogar noch in der Berliner Runde und ihrer ‚Zweitverwertung‘ bei Anne Will haben sie alle anderen Parteien immer wieder und zuerst auf die Erfolge der AfD angesprochen. Genau diese AfD hat dann heute Morgen für die jüngste Überraschung gesorgt: Frauke Petry, die Bundessprecherin der AfD und Gewinnerin eines von drei Direktmandaten für die AfD in Sachsen, hat auf einer gemeinsamen Pressekonferenz der Parteiführung erklärt, der AfD-Fraktion nicht angehören zu wollen. Dass sich eine Bundestagsfraktion spaltet, bevor sie zu ihrer ersten Sitzung zusammentritt, hat es noch nicht gegeben. Auf die Wähler der AfD kommen wohl noch einige Überraschungen zu.“