Prof. Dr. Dr. Thomas Johann Bauer

„Ich möchte keine einsamen Entscheidungen treffen“

Prof. Dr. Dr. Thomas Johann Bauer, Professor für Theologie und Exegese des Neuen Testaments, ist neuer Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Er wurde Anfang Juli auf Vorschlag des Präsidenten vom Fakultätsrat gewählt und folgt im Amt auf Prof. Dr. Michael Gabel, dessen Amtszeit abgelaufen war. Für den „WortMelder“ sprach Desiree Haak mit ihm über seine Ambitionen…

Herr Professor Bauer, herzlichen Glückwunsch zur Wahl zum  Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Mit welchen Wünschen, Hoffnungen und Zielen haben Sie Ihr Amt angetreten?
Große programmatische Erklärungen zu Zielen und Projekten liegen mir nicht. Solche Programme – und das können wir in diesem Jahr wieder in der Politik erleben – lassen sich meist schnell und einfach formulieren und haben in der Regel auch nicht wirklich verpflichtenden Charakter. Solche Programme werden dann aber auch sehr schnell zum Maßstab, am dem sich das eigene Scheitern messen lässt. Ich möchte mich darum bemühen, die Dinge, die in der Fakultät anstehen, möglichst pragmatisch zu lösen. Statt permanenter Grundsatzdiskussionen darüber, was man tun sollte und wie man es besten tun sollte und was man auf keinen Fall tun darf, möchte ich, dass alle Mitglieder der Fakultät zunächst einfach schauen, was ansteht, wie man das mit vernünftigem Aufwand angehen kann und was alle ganz konkret zur Erledigung beitragen müssen. Wichtig ist mir in allen Angelegenheiten das Gespräch und der Austausch mit allen Angehörigen der Fakultät  ̶  mit mir, aber auch untereinander. Persönlich setze ich für meine Arbeit als Dekan auf die Erfahrungen der Kolleginnen und Kollegen im Professorium, der Mitglieder des akademischen Mittelbaus, der Studierenden, Promovierenden und Habilitierenden sowie der administrativen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Sekretariaten, dem Dekanat und Prüfungsekretariat. Ich möchte keine einsamen Entscheidungen treffen und auch nicht alles Anstehende in wechselnden „Küchenkabinetten“ vorbereiten. Ich möchte vor Entscheidungen alle Angehörigen der Fakultät anhören und den Rat und die Anliegen aller berücksichtigen. Ich bitte aber auch jetzt schon um Verständnis dafür, dass manchmal doch das Dekanat allein entscheiden muss und dass auch nach Beratungen nicht alle Wünsche und Anliegen umgesetzt werden können.

Ganz konkret gefragt: Was wird sich mit Ihnen als Dekan verändern?
Was sich ändern wird, kann ich konkret momentan noch nicht sagen. Es gibt aber einige Dinge, von denen ich denke, dass die gesamte Fakultät sie angehen muss. Aus meinen Erfahrungen in den vergangenen Jahren aus oft endlosen und immer wiederkehrenden Diskussionen im Fakultätsrat sehe ich es vor allem als notwendig an, dass wir die Umsetzung der Modularisierung und die Organisation und Durchführung von Prüfungen überprüfen und verbessern. Konkrete Schritte dazu haben wir im Professorium und im Dekanat bereits unternommen. Das werden alle Mitglieder der Fakultät, wie ich hoffe, zu Beginn der Vorlesungen des Wintersemesters auch bemerken. Betonen möchte ich dabei aber ausdrücklich, dass es bisher nicht einfach falsch lief, sondern es manchmal lediglich an Kommunikation mangelte. Wichtig ist mir auch, dass wir Schritte zu einer besseren internationalen Vernetzung der Fakultät unternehmen. Deshalb haben wir das Amt des Prodekans in Absprache mit dem Präsidium neu beschrieben und akzentuiert und ich danke der Kollegin Prof. Dr. Maria Widl, dass sie sich als „Prodekanin für Studienangelegenheiten und internationale Beziehungen“ zur Verfügung gestellt hat. Besondere Herausforderungen in den kommenden Jahren werden auch die anstehenden Neubesetzungen der Professuren für Philosophie und Fundamentaltheologie sein. Dies wird nicht nur dem Dekanat, sondern auch den übrigen Angehörigen der Fakultät einiges an Zeit und Arbeit abverlangen. Alle Mitglieder der Fakultät sollten die anstehenden Verfahren aber auch als Chancen begreifen, ihre Ausrichtung und Ziele zu überdenken, und konstruktiv mitwirken.

Tatsächlich sind Sie selbst noch eines der jüngeren Mitglieder im Professorium der Fakultät. Sehen Sie dies als Chance oder eher als Herausforderung?
Tatsächlich habe ich nicht damit gerechnet, dass mich der nicht nur freudige und ehrenvolle Posten des Dekans so rasch ereilen würde. Ich gebe zu, dass ich mir die kommenden Jahre anders vorgestellt und sie auch anders geplant hatte. Ich hoffe deshalb auf die Unterstützung und das Entgegenkommen der Kolleginnen und Kollegen, aber auch der übrigen Fakultätsangehörigen, damit es mir möglich ist, meine laufenden Forschungsvorhaben und Projekte dennoch vorantreiben zu können. Die Leitung einer Fakultät sollte keine Ein-Mann-Show sein. Ich selbst werde in den kommenden Wochen noch lernen müssen, wie ich die einzelnen Aufgaben für mich am besten organisiere und einen Überblick über meine eigenen Aufgaben und Termine behalten kann. Dabei werden mir, wie ich hoffe, auch die anstehenden Fortbildungen zu den Aufgaben und Pflichten eines Dekans helfen, die ich geplant habe.

In Ihrer Funktion als Dekan stehen Sie damit nun der einzigen Katholisch-Theologischen Fakultät in den neuen Bundesländern vor. Was denken Sie hinsichtlich der Perspektiven der Fakultät, sich auch in Zukunft in ihrem säkularen Umfeld behaupten zu können? Wo sehen Sie Risiken, wo  Chancen?
Vor den angedeuteten Herausforderungen stehen nicht nur wir an der Katholisch-Theologischen Fakultät Erfurt, sondern inzwischen alle Theologischen Fakultäten und Institute in Deutschland und auch anderen Ländern. Unsere und ihre Existenz und Berechtigung ist wohl schon geraume Zeit für eine Mehrheit in der Gesellschaft und in der akademischen Community nicht mehr selbstverständlich. Das werden wir so schnell auch nicht ändern können. Was wir tun können und tun  ̶ ̶  hier in Erfurt und auch an anderen Standorten Theologischer Fakultäten und Institute  ̶  ist, uns um eine saubere wissenschaftliche Arbeit zu bemühen, den Austausch und die Zusammenarbeit mit anderen Fakultäten und Forschungseinrichtungen zu suchen und unsere Forschung nach außen, sprich in die Gesellschaft hinein, zu kommunizieren und damit auch Rechenschaft über unsere Arbeit abzulegen. In Erfurt haben wir in den vergangenen Jahren besonders im Bereich der Wissenschaftskommunikation verstärkt Anstrengungen unternommen und manches, was bisher mehr im Hintergrund erarbeitet wurde, wird in den kommenden Wochen und Monaten sichtbarer werden. Danken möchte ich an dieser Stelle deshalb besonders auch meinem Vorgänger Prof. Dr. Michael Gabel, der als Dekan bereit war, diese Anregung aus dem Katholisch-Theologischen Fakultätentag aufzugreifen und für unsere Fakultät umzusetzen. Für unsere Fakultät wünsche ich mir, dass wir zwar nicht vergessen, dass wir durch das säkulare Umfeld im Osten Deutschlands vor besonderen Herausforderungen stehen, dass wir aber auch nicht nur gebannt darauf schauen und anderes aus dem Blick verlieren. Für mich war und ist es eine sehr bereichernde Erfahrung, dass ich als Referent bei theologischen Fortbildungsveranstaltungen in den ostdeutschen Bistümern immer wieder erleben darf, dass nicht nur engagierte und überzeugte Katholikinnen und Katholiken daran teilnehmen, sondern auch Angehörige anderer Kirchen und sogar solche, die sich als Nichtglaubende sehen. Ich wünsche mir auch, dass sich die Fakultät in ihrem Leben noch mehr mit jener Region verbunden fühlt, mit der Geschichte und Kultur sie verwachsen ist. Thüringen und der Osten Deutschlands haben eine lange kirchliche Geschichte und eine lange theologische Tradition, wovon wir oft viel zu wenig wissen. Wir sind eine Katholisch-Theologische Fakultät im Kernland der Reformation. Vor diesem Hintergrund muss die Erforschung der Geschichte der Reformation und des Konfessionalismus ebenso wie der ökumenische Dialog und der Austausch mit der benachbarten Evangelisch-Theologischen Fakultät in Jena bei uns eine feste Heimstatt haben. Dies gilt selbstverständlich auch für die Geschichte der Kirchen und die Erfahrungen von Christinnen und Christen in der DDR. Für unsere Arbeit sollte aber auch mehr in den Blick kommen, dass unweit von Erfurt eines der ehemaligen großen Konzentrationslager der Zeit des Nationalsozialismus liegt. Diese schwierigen und dunklen Kapitel der Geschichte unserer Region dürfen wir nicht übergehen. Insgesamt aber, sollten wir noch mehr und mit noch mehr Selbstbewusstsein und Stolz nach außen kommunizieren, dass Erfurt in einer historisch spannenden und kulturell überaus reichen Region Deutschlands und Europas liegt und dass Erfurt deshalb ein attraktiver Ort für das Studium der Theologie ist, aber auch für Promotionen, Habilitationen und sonstige wissenschaftliche Arbeiten.