Brigitte Benz

Nachgefragt: „Können Gottesdienste wirklich bei der Bewältigung von Naturkatastrophen helfen, Frau Benz?“

Seit einigen Jahren zeigt sich die Tendenz, auf Katastrophen, die in weiten Kreisen der Bevölke­rung Betroffenheit auslösen, zunehmend mit öffentlichen Trauer- oder Gedenkfeiern zu reagieren. Dies gilt nicht nur für Ereignisse wie Amokläufe an Schulen oder Flugzeugabstürze, sondern auch für Naturkatastrophen wie dem Tsunami in Südostasien von 2004 oder sogenannten „Jahrhunderthochwassern“. „WortMelder“ hat bei Brigitte Benz, Diplom-Theologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Theologischen Forschungskolleg der Uni Erfurt, nachgefragt: „Können Gottesdienste wirklich bei der Bewältigung von Naturkatastrophen helfen, Frau Benz?

„Sie können natürlich nicht helfen bei der Beseitigung materieller Schäden, aber auch Naturkatastrophen verursachen Traumata und führen zu Betroffenheit in weiten Teilen der Bevölkerung. Dies konnte man z.B. nach dem Tsunami in Südostasien 2004 oder bei Hochwasserkatastrophen im eigenen Land (wie 2013) beobachten. Auch diese Traumata müssen bewältigt bzw. verarbeitet, die Betroffenheit aufgegriffen werden. Für den Einzelnen kann es hier durchaus notwendig sein, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Diese soll und kann durch Gottesdienste/Trauerfeiern nicht ersetzt werden. Aber die Begleitung in Trauer und Not ist eine der ureigensten Aufgaben der Kirchen, die hierfür eine sprachliche Kompetenz und entsprechende Sensibilität entwickelt haben. Dabei wenden sie sich nicht nur an den Einzelnen, sondern auch an eine Trauergemeinde, haben also Erfahrung in der Begleitung von Gruppen. Aber nicht nur die sprachliche Kompetenz ist hier wichtig, sondern mindestens ebenso sehr die Tatsache, dass die Kirchen eine (auch in der Gesellschaft weitgehend anerkannte) Ritenkompetenz aufweisen. Sie haben im Lauf der Zeit Rituale entwickelt, die im Angesicht von Leid und Tod als hilfreich erlebt werden. Und sie sind in den vergangenen Jahrzehnten bei diesen Ritualen in zunehmendem Maße mit einer Ritualgemeinschaft konfrontiert, die eben nicht nur aus Christinnen und Christen besteht.

Aufgrund der Betroffenheit einer größeren und in weltanschaulicher Sicht inhomogenen Gruppe durch eine Katastrophe, auch eine Naturkatastrophe, ist auch eine Trauerbegleitung notwendig, die möglichst die Gruppe als Ganze anspricht. Dies kann in einem (ökumenischen) Gottesdienst geschehen, der mit der Inhomogenität der Anwesenden rechnet. In diesen Gottesdiensten wird die  Sprachlosigkeit zur Sprache gebracht, ebenso werden Trauer und Wut angesichts der Opfer (und Schäden) ausgedrückt und – christlich gesprochen – vor Gott gebracht. Aber auch die Hoffnung wird anklingen, Hoffnung auf Hilfe durch andere Menschen und – wiederum in christlicher Perspektive – durch Gott. Letztere sollte aber so formuliert sein, dass sich nichtreligiöse oder nichtchristliche Teilnehmer an der Trauerfeier nicht vereinnahmt fühlen. Das ist ein Balanceakt, den aber die Kirchen im Dienst an der pluralen Gesellschaft wagen und bestehen müssen. Durch dieses Ansprechen von Sprachlosigkeit, Wut, Trauer und Hoffnung kann ein Gottesdienst hilfreich sein, um entstandene Traumata zu verarbeiten und eine erste Trauer-/Schockphase abzuschließen, was die bisherigen Feiern offensichtlich geleistet haben, wie Rückmeldungen aus der Öffentlichkeit zeigen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass durch die Gottesdienste für die unmittelbar Betroffenen und die Gesellschaft als Ganze erfahrbar wird, dass niemand allein steht. Bei Gottesdiensten z.B. während oder nach Hochwasserkatastrophen kommt oftmals noch ein anderer Aspekt hinzu, nämlich der Dank. Dank an die Helfer, aber auch Dank an Gott (z.B. für die Rettung während einer Katstrophe oder dafür, in der Katastrophe nicht allein gewesen zu sein).

Gottesdienste werden aber auch aufgrund einzelner Handlungen und verwendeter Symbole als hilfreich erfahren. Zu den wichtigsten Elementen zählen hier ein Namens- und ein Kerzenritus. Kerzen sind als Symbol der Trauer, aber auch der Hoffnung  in den verschiedensten Weltanschauungen und Bekenntnissen geläufig und werden deshalb als Symbol in einer Trauerfeier mit religiös inhomogener Trauergemeinschaft eine größtmögliche Akzeptanz finden. Allerdings sollte, wenn nicht alle Opfer Christinnen und Christen waren, auf eine Gestaltung der Kerzen mit christlichen Symbolen verzichtet werden. Die Kerzen können verschieden eingesetzt werden: als einzelne Kerze für jedes Opfer, als eine oder mehrere Kerzen die symbolisch für alle Opfer stehen, als Kerzen, die im Rahmen der Fürbitten entzündet werden und natürlich als Kerze(n), die als Symbol der Hoffnung entzündet wird.

Wenn es gelingt, in einer Sprache und mit Hilfe von Ritualen und Symbolen, die niemandem christliche Überzeugungen aufzwingen, niemanden vereinnahmen (auch wenn die Kirchen ihre Erzählung von Hoffnung anbieten), Wut, Trauer, Sprachlosigkeit, Hoffnung und Dank zum Ausdruck zu bringen, dann können Gottesdienste tatsächlich bei der Bewältigung einer Naturkatastrophe helfen.“