Jan Gerken

„Meilenstein und Herausforderung zugleich“: Uni Erfurt will ihren Forschungsneubau in Eigenregie stemmen

Erstmals wird die Universität Erfurt einen Neubau in Eigenregie stemmen. Die notwendigen Weichen wurden jetzt gestellt. „WortMelder“ sprach mit dem Kanzler Jan Gerken über das Vorhaben…

Herr Gerken, das Land Thüringen hat gerade dem Antrag der Uni Erfurt stattgegeben, das neue Forschungsgebäude für das Max-Weber-Kolleg in Eigenregie zu bauen. Ein Meilenstein für die Uni oder eine große Herausforderung?
Beides. Ein Meilenstein, weil es das erste Mal für uns bzw. überhaupt das erste Mal für eine Thüringer Hochschule ist, dass eine sogenannte „große Baumaßnahme“ in Eigenregie erstellt werden darf und wir dafür sehr gekämpft haben. Aber deshalb auch eine Herausforderung, weil wir natürlich beweisen wollen, dass wir die Genehmigung zurecht bekommen haben und in der Lage sind, solche Projekte zu stemmen. Aber ich bin da sehr zuversichtlich, weil es ein tolles Konzept ist mit dem wir ja auch schon den Wissenschaftsrat überzeugt haben und weil das Projekt sehr professionell vorbereitet wurde. Mit Olaf Römer konnten wir von Beginn an einen erfahrenen Architekten als Projektverantwortlichen gewinnen. Und es ist uns peu á peu gelungen, das Dezernat für Gebäudemanagement mit neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hervorragend für die Zukunft aufzustellen.

Warum musste denn ein solcher Antrag überhaupt gestellt werden? Das Geld für den Neubau war doch bereits bewilligt?
Die Universität Erfurt ist vom Landesgesetzgeber – im Gegensatz zu den drei übrigen Universitäten in Thüringen – bisher nur legitimiert, Maßnahmen des Bauunterhaltes (die im Einzelfall 50.000 Euro nicht übersteigen dürfen) durchzuführen. Deshalb haben wir als erste Hochschule in Thüringen von der sogenannten „Erprobungsklausel“ im ThürHG Gebrauch gemacht und die projektbezogene Übertragung der Bauherreneigenschaft für große Baumaßnahmen (> 2 Mio. Euro) beantragt.

Wann soll der Bau fertig sein und was wird das Besondere an ihm sein?
Mit dem Forschungsbau, der 2021 fertig sein soll, wird die Umsetzung eines langfristigen Forschungsprogramms zum Thema „Attraktion, Repulsion, Indifferenz – eine kulturvergleichende Analyse von Weltbeziehungen“ ermöglicht werden. Das Programm schließt an die interdisziplinäre, historisch vergleichende kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt an. Es verfolgt das Ziel, mit einem spezifischen Zugriff, der seine Wurzeln in der verstehenden Soziologie hat, innovative Perspektiven zu eröffnen, die eurozentrische sowie kognitivistisch verengte Sichtweisen überwinden. Auf diese Weise will es einen Beitrag zur Bearbeitung gesellschaftlich relevanter Problemstellungen der Gegenwart leisten, etwa in Bezug auf das Verständnis der Rolle materieller, ideeller wie kultureller Bedingungen für ein gelingendes Zusammenleben in pluralistischen Gesellschaften, die Schaffung gemeinsamer Sprachen zur narrativen Erschließung des kulturellen Erbes oder die Verständigung über wesentliche Wertkomplexe in der Moderne. Die zur Bearbeitung dieses Forschungsprogramms erforderliche Kollegstruktur ist nicht zuletzt durch Interdisziplinarität, Interkulturalität und Intergenerationalität gekennzeichnet und kann nun durch den Forschungsbau im Zentrum des Campus der Uni Erfurt zur Entfaltung gebracht werden.

Was werden jetzt die nächsten Schritte sein?
Wir sind gerade dabei den Architektenwettwerb vorzubereiten, so dass wir Ende 2017 den Entwurf küren können, den es dann in den kommenden Jahren umzusetzen gilt.

Und danach kommen weitere Gebäude dran? Der Sanierungsstau auf dem Campus liegt ja inzwischen bei mehr als 65 Millionen Euro?
Das ist schwer zu sagen. Wir sind im Moment gerade dabei, die bauliche Entwicklungsplanung für die Universität Erfurt fortzuschreiben. Der entsprechende Auftrag wurde Anfang 2017 vom Land an die HIS-HE vergeben. Das Ergebnis der Fortschreibung wird die Grundlage aller weiteren baulichen Aktivitäten für die  nächsten Jahrzehnte bilden. Dabei steht zunächst einmal nicht im Vordergrund, wer baut. Nichtsdestotrotz haben wir kürzlich als Hochschulleitung ein weiteres Mal die Erprobungsklausel des ThürHG bemüht und einen Antrag auf die generelle Übertragung der Bauherreneigenschaft für kleine Um-, Neu- und Erweiterungsbauten (bis 2 Mio. Euro) beim Land eingereicht, weil wir das Land beim Bauen unterstützen wollen. Das Ergebnis des Antrags steht noch aus. Aber ich denke, nur gemeinsam wird es gelingen, die bauliche Situation signifikant und nachhaltig zu verbessern.