Herkunftsland des libanesischen Bettelprinzen Saiff Hobeish

Der falsche Prinz: Eine Tagung im Forschungszentrum Gotha widmet sich historischen Hochstaplern

Fast 4.000 Kilometer hatte „Prinz“ Saiff Hobeish zurückgelegt, als er im Februar 1727 mit seinem italienischen Übersetzer am Gothaer Hof auf Schloss Friedenstein ankam. Sein Weg führte den maronitischen Libanesen über Rom und Wien ins kleine Herzogtum Sachsen-Gotha-Altenburg, wo er wie schon an seinen vorherigen Stationen herzlich empfangen und reich beschenkt wurde. Mit seiner Leidensgeschichte – die christliche Familie von den Türken entführt, das Schloss besetzt und die Olivenbäume gefällt – stieß er auch in Gotha auf die Gastfreundschaft des Herzogs, den Hobeish um Unterstützung beim Aufbringen des Lösegeldes für seine Familie bat. Vier Tage blieb er am Hof und jeden Tag davon empfing ihn Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg bei Tafel. Dass die Geschichte des vermeintlichen Prinzen wahr war, vermochte hier niemand anzuzweifeln. Schließlich sprach das eindringliche Empfehlungsschreiben des Wiener Hofes für sich. Heute weiß man, dass Saiff Hobeish nur im weitesten Sinne als Prinz bezeichnet werden konnte und dass der Überfall auf seine Heimatstadt Ghazir am Berg Libanon durch die Türken schon zehn Jahre vor seiner Europareise stattfand. War Friedrich II. also einem Hochstapler auf den Leim gegangen, einem Bettelprinzen, der die hiesige Neugier gegenüber dem Fremden und Exotischen schamlos ausnutzte? Welche anderen Hochstapler waren in der Neuzeit an den Höfen unterwegs? Das wollen die Teilnehmer der internationalen Tagung „Falsche Prinzessinnen, Scharlatane und selbsternannte Experten. Hochstapler in neuzeitlichen Gesellschaften“, die vom 10. bis 12. Juli im Rahmen des dritten Herzog-Ernst-Alumni-Treffens am Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt stattfindet, genauer untersuchen.

„Schaut man sich im Internet oder in Bibliografien zum Thema Hochstapler um, wird man recht schnell fündig“, sagt Dr. Markus Meumann, Wissenschaftlicher Geschäftsführer am Forschungszentrum Gotha und Organisator der Tagung. „Uns interessieren aber nicht Geschichten wie die von Thomas Manns ,Felix Krull‘ oder Betrugsfälle wie der Doktortitel Theodor zu Guttenbergs, sondern Formen der Hochstapelei, die in das Profil des Forschungszentrums passen – die also die Wissensgeschichte der Neuzeit, Entdeckungsreisen oder die Globalisierungsgeschichte betreffen.“ Meumann unterscheidet bei der Scharlatanerie, die in der Neuzeit verbreitet war, drei Kategorien: Zum einen gab es falsche Experten wie Magier und Alchemisten, die von Hof zu Hof zogen und dort Versprechungen machten. „Was heute als Para- oder Pseudowissenschaft gilt, war früher zum Teil als Wissenschaft anerkannt und deshalb hatten diese selbsternannten Experten häufig leichtes Spiel, wenn sie beispielsweise behaupteten, sie könnten Gold herstellen.“ Dann gab es Menschen, die absichtlich falsches Wissen verbreiteten, zum Beispiel Entdecker, die im Konkurrenzkampf mit anderen Forschungsreisenden fälschlicherweise vorgaben, an bestimmten Orten gewesen zu sein oder neue Dinge entdeckt zu haben. Und schließlich waren da noch jene Hochstapler, die behaupteten, Ureinwohner oder Adelige aus anderen Ländern zu sein. Hochstapler wie Saiff Hobeish eben. Oder war er gar kein richtiger Betrüger? Und falls doch, war die Obrigkeit nicht auch selbst schuld, auf solche Lügner hereinzufallen? Diese Fragen rund um die Geschichte Hobeishs beschäftigen auch Tobias Mörike. Eigentlich promoviert der Islamwissenschaftler an der Universität Erfurt zum Thema „Die Entdeckung des ‚Heiligen Landes‘. Wissensdinge der deutschen Palästinaforschung 1877–1929“. Dem Aufruf, Beiträge für die Tagung über Hochstapler in der Neuzeit einzureichen, folgte er trotzdem. Denn seine wissenschaftliche Leidenschaft gilt der Arbeit mit Sammlungen und Archivmaterial – und nicht zuletzt den Geschichten, die sie erzählen können. „Ich wollte einfach wissen, was es heute noch über diesen vermeintlichen Betrüger in den Archiven gibt“, sagt Mörike. „Zum Beispiel sind in Gotha noch ein Gewand und ein Paar Schuhe erhalten. Und auch in einer Chronik findet man noch Hinweise auf ihn.“ Um weitere zeitgenössische Dokumente zu untersuchen, forschte der Wissenschaftler außerdem in Dresden und Wien, er analysierte noch einmal ältere historische Aufsätze und durchforstete digitale Datenbanken nach Material. „Es gibt sehr viel über diesen libanesischen Prinzen. Schon zu seiner Zeit war er ein kleiner Star, ich fand Zeitungsberichte über ihn und er gab sogar Interviews. Aber all das Material, das ich gefunden habe, beschränkte sich auf je einen Ort. Ich wollte jedoch seine Reise insgesamt in den Blick nehmen.“ Mit den Dokumenten der unterschiedlichen Stationen Hobeishs gelang es Tobias Mörike, die Reise des Scharlatans zu rekonstruieren: Erste Station des reisenden Prinzen war Rom. „Hier stellte sich Hobeish im April 1725 bei Jesuiten, Dominikanern und Kapuzinern vor“, weiß Mörike. „In Rom erhält er ein Empfehlungsschreiben des Ordensgenerals der Jesuiten, das Grundlage für seine weitere Reise wird und ihm die Tore an der nächsten Station – dem Kaiserhof in Wien – öffnet.“ Anschließend, so belegen die Dokumente, reiste er durch die deutschen Lande, wo er alle kleinen, vor allem protestantisch geprägten Höfe besucht. Über Leipzig, Halle und Weimar kam er schließlich nach Gotha, wo er laut Hofchronik „beständig mit großen Duceur [Milde] bei der fürstlichen Tafel gehalten, und nach etlichen Tagen mit vielen Geschenken zur Ranzion [Lösegeld], dimittiert worden“ ist. Nach seinem Aufenthalt in Gotha führte ihn sein Weg nach Luxemburg, Wolfenbüttel und Blankenburg, nach Stuttgart, Straßburg und Genf. An allen Orten wurde Hobeish beschenkt. Sowohl in Gotha als auch in Blankenburg wurden Porträts von ihm gefertigt, die heute jedoch verschollen sind. In Wolfenbüttel wurde für ihn eine Goldmünze geprägt; in Genf erhielt er eine Pistole und sechs Louis d’Or. „Wie die Reise des Saiff Hobeish letztlich aber ausging, ist ungewiss“, erzählt Tobias Mörike. „1728 verlieren sich seine Spuren in den Quellen. Es gibt zwar zahlreiche Berichte über libanesische ‚Prinzen‘, die auf ihn zutreffen könnten – 1736 wurde in London ein als Scharlatan Beschuldigter hingerichtet, in Sidon ein anderer eingesperrt, in Sizilien ein weiterer wegen seiner Reichtümer ermordet. Ob aber einer von diesen Prinzen unser Gothaer Gast war, lässt sich nicht belegen.“ Denn: Hobeish scheint der erste Libanese auf Reisen gewesen zu sein, aber bis zum Siebenjährigen Krieg 1756 machten es ihm zahlreiche Landsleute nach, sodass sich viele weitere Quellenbelege in Spanien, Frankreich, England und Schweden finden. Bevor sie für die Europäer ihren Reiz verloren, wurden die Exoten überall mit Begeisterung und Sympathie empfangen. Denn natürlich versprachen sich auch die Höfe, Vorteile aus deren Besuch zu schlagen: zum Beispiel das gute Gefühl, einem Christen aus einem vornehmlich muslimischen Land zu helfen; oder einen Imagegewinn, weil man nun endlich auch wie einst die Medici einen bedeutenden Gast aus der Ferne empfing. Oder, und hier wird es für Tobias Mörike und auch das Forschungszentrum Gotha interessant: einen Wissenszuwachs. „Die ausländischen Reisenden waren ein wichtiger Motor der Wissensproduktion. Sie haben – wie Hobeish, der Katholik war und auch durch protestantische Landstriche reiste – konfessionelle Hürden überwunden, sie brachten andere religiöse Praktiken mit und halfen, Beutestücke aus den Türkenkriegen zu übersetzen. Orientalische Sammlungen konnten mit ihrer Hilfe systematisiert werden. Sie waren also auch kulturelle Übersetzer, und nicht einfach nur ‚Finanzierungstouristen‘. Und das erkannten auch die Adeligen der Neuzeit. Denn längst nicht alle ließen sich einfach täuschen, sondern einige ließen es auch zu, getäuscht zu werden – angesichts ihrer eigenen Vorteile.“

Was Fälle historischer Hochstapelei wie die des libanesischen Prinzen Saiff Hobeish über die jeweilige Gesellschaft aussagen, das ist laut Markus Meumann die Kernfrage der Tagung am Forschungszentrum Gotha. Eine Frage, die auch Tobias Mörike in seinem Tagungsbeitrag in den Raum stellen wird – zum einen. Zum anderen möchte er aber auch Saiff Hobeish etwas rehabilitieren. „Ich denke nicht, dass er ein bösartiger Betrüger war. Ich glaube ihm, dass er aus einer Notlage heraus handelte – auch wenn die Belagerung seiner Heimatstadt schon einige Jahre vor seiner Reise stattfand. Und er war zwar kein richtiger Prinz im Sinne eines angehenden souveränen Staatsoberhauptes, aber er kam dennoch aus einer feudalen, bedeutenden Familie. Ich glaube, das ist eher ein Kategorienfehler, ein Übersetzungsfehler – den man in Europa durchaus gern hinnahm. Er war natürlich ein Übertreiber, aber ich empfinde durchaus Sympathie für ihn, schließlich ist es auch eine Leistung, über zehn bis fünfzehn Höfe hinweg seine Geschichte irgendwie aufrecht zu erhalten.“

Gewand von Saiff Hobeish © Stiftung Schloss Friedenstein Gotha Schuhe von Saiff Hobeish © Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

Abb.: Schuhe und Gewand von Saiff Hobeish © Stiftung Schloss Friedenstein Gotha; oben: Karte des Herkunftslandes Saiff Hobeishs. Charles William Meredith van de Velde, Karte von Palästina, deutsche Ausgabe nach der 2. Aufl. der Map of the Holy Land von 1865, 1:315.000, Gotha: Justus Perthes, 1866, Section 1, Ausschnitt © Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt

Weitere Informationen:

Quelle: Der falsche Prinz

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