Willy Brandt School Of Public Policy

Commitment Award 2017: Studierende der Uni Erfurt präsentieren ihre sozialen Projekte

Auch in diesem Jahr verleiht die Willy Brand School of Public Policy der Universität Erfurt wieder den Commitment Award. Insgesamt sieben Projekte von Studierenden der Brandt School gehen dabei ins Rennen um die begehrten Geldpreise. Damit werden im Anschluss deren soziale Projekte gefördert. Gleichzeitig können die Studierenden unter Beweis stellen, was sie im Master-Studiengang Public Policy in den Bereichen Projektmanagement und Nachhaltigkeit gelernt haben. Wir stellen hier alle Projekte vor und sind gespannt, wer am 7. Juli als Sieger aus dem Wettbewerb hervorgeht…

Projekt 1: Finanzielle Bildung für eine bessere Zukunft (Florencia Aguirre und Juan Cruz Moroni)
Florencia Aguirre und Juan Cruz Moroni möchten Menschen mit niedrigen bzw. mittleren Einkommen in Uruguay finanzwissenschaftliche Kompetenzen vermitteln. Denn erfahrungsgemäß neigen vor allem Personen dieser Einkommensklassen dazu, sich im Laufe ihres Lebens zu verschulden. „Wir wollen Nutzer und potenzielle Inanspruchnehmer von Verbraucherkrediten mit dem notwendigen Fachwissen ausstatten und ihnen mögliche Alternativen aufzeigen“, sagt Public-Policy-Studentin Florencia. Sie verfügt bereits über Erfahrungen im Bereich „Marktforschung und Kreditinstitute“ während ihr Kommilitone Juan Cruz weitreichende Erfahrung in der Koordination von Projekten im privaten Sektor mitbringt. Gemeinsam wollen sie nun dafür sorgen, dass die Menschen in Uruguay ihre finanzielle Situation besser und effizienter einschätzen und ihr Geld besser verwalten können. Damit soll einerseits verhindert werden, dass diese sich verschulden, zweitens soll auch ihr Einfluss hinsichtlich der für sie zugänglichen finanziellen Mittel gestärkt werden.

Um dieses Ziel zu erreichen, wollen Florencia Aguirre und Juan Cruz Moroni eine gemeinnützige Organisation gründen. Später soll das Projekt auf Argentinien und Brasilien ausgeweitet werden – und der Wissenstransfer auch über andere Informationskanäle laufen. In der Einführungsphase des Projektes – von August 2017 bis Ende März 2018 in Montevideo – sollen zunächst die inhaltliche Organisation der Workshops sowie Öffentlichkeitsarbeit und die Suche von Sponsoren erfolgen. Juan Cruz: „Nach dem ersten Workshop, bei dem uns die Katholische Universität Uruguay unterstützen wird, werden wir uns den administrativen Dingen widmen, um die Registrierung als gemeinnützige Organisation abzuschließen. Mit dem Preisgeld würden wir die Ausgaben für die ersten zwei Runden des Workshops decken, Material- und Werbekosten, sowie die Kosten für die Gründung der Organisation und die Förderung der Initiative.“

Projekt 2: Akhbar-Meter (Haytham Mones)
Vor zwei Jahren kam Haytham Mones auf die Idee, das sogenannte Akhbar-Meter, einen „Medienmesser“, zu konzipieren. Den Anstoß dazu gaben ihm das nach seiner Ansicht fehlende ethische Bewusstsein sowie der Mangel an Professionalität in der Online-Nachrichtenproduktion in Ägypten. „Nachrichtenagenturen widmen sich einer politischen Agenda häufig nur einseitig“, sagt Haytham. Gleichzeitig führe eine manipulative Berichterstattung, wie etwa durch die Veröffentlichung von Bildern in anderen Kontexten, die Angabe erfundener Quellen oder die Verbreitung von Gerüchten und falschen Informationen, zu einer Zuspitzung der bereits bestehenden gesellschaftlichen Polarisierung. „Trotz zunehmender unsachlicher und vorgeprägter Informationsverbreitung mangelt es den meisten Konsumenten an der nötigen Zeit und der notwendigen Sensibilität, um solche Nachrichten von einer faktenbasierten Berichterstattung zu unterscheiden.“ Der Public-Policy-Student möchte nun mit seinem Akhbar-Meter – einem Tool zur kritischen Prüfung des Wahrheitsgehaltes einer Nachricht – Abhilfe schaffen. Sein Projekt hat dabei zwei Hauptbestandsteile: Während über ein Forum (Akhbar-Meter-Academy), das sich speziell an Mediennutzer und -produzenten richtet, die notwendige Medienkompetenz und Professionalität in der Programmproduktion vermittelt werden soll, können Mediennutzer über eine Online-Plattform auf bewertete und verifizierte Informationen zugreifen. Dabei soll auf eine visuell-ansprechende Art nachvollziehbar gemacht werden, welche Kriterien für die Bewertung der Medien ausschlaggebend gewesen sind. Die Plattform soll zusätzlich die Möglichkeit bieten, die am häufigsten genutzten Nachrichtenagenturen monatlich zu bewerten.

Das Projekt will Haytham Mones in Zusammenarbeit mit Qestas, einer Nichtregierungsorganisation (NGO) für Frieden, Entwicklung und Menschenrechte in Ägypten umsetzen. Größte Herausforderung: die Finanzierung. Das Preisgeld des Commitment Awards könnte ihm nun dabei helfen, einen wesentlichen Teil dieser Kernaktivitäten des Projektes abzudecken. 

Projekt 3: Ziegenzucht für den Unternehmersinn (Johny Hilaire und Margarette Pierre-Louis)
Sie möchten den gravierenden sozioökonomischen Problemen in Vialet (Haiti) entgegenwirken und die Einheimischen durch autonomes wirtschaftliches Handeln „aus den Fesseln der Armut“ befreien. Dafür wollen Johny Hilaire und Margarette Pierre-Louis – beide selbst aus Haiti – Ziegen an die Einheimischen verteilen, die die Grundlage für den Aufbau einer nachhaltigen Ziegenzucht bilden sollen. Die beiden Public-Policy-Studieren der Willy Brandt School sehen in der Tierzucht und dem Verkauf der Tiere eine gute und sichere Möglichkeit, mit der die Einwohner von Vialet ihre Bedürfnisse und insbesondere die Ausbildung ihrer Kinder sichern können. Denn der landwirtschaftliche Sektor nimmt in der haitianischen Wirtschaft eine essenzielle Rolle ein. Nichtsdestotrotz mangele es an staatlicher Unterstützung, die in Arbeitslosigkeit, Ernährungsunsicherheit, Armut und schließlich in Massenmigration münde. Betroffen seien insbesondere junge Haitianer aus Familien unterer Einkommensklassen. „Wir wollen zunächst eine Einwohnerversammlung einberufen, die dann fünf Personen in ein Entscheidungskomitee beruft. Als legitimierte Vertreter sollen sie dann dabei helfen, die ersten 50 Empfänger einer Ziege auszuwählen“, erläutern Johny und Margarette. Ziel ist es, durch die Tierzucht die Zahl der Begünstigten stetig zu steigern. Dem Komitee soll das Projekt dabei weitestgehend selbstständig leiten. Darüber hinaus wollen die beiden Studierenden die Zusammenarbeit mit der Kommunalverwaltung fördern, um nicht nur die Sicherheit des Projektes zu garantieren, sondern auch gewährleisten zu können, dass es dem Gemeinwohl in Vialet dient.

Externe Risiken, wie Diebstahl oder Krankheiten, wollen die Koordinatoren des Projektes durch unterschiedliche Maßnahmen minimieren: Neben der Bereitstellung eines gemeinschaftlichen Stalles zur Unterbringung der Ziegen ist die Zusammenarbeit mit einem einheimischen Tierarzt geplant, der für die Versorgung der Tiere zuständig sein wird. Und für die Nachvollziehbarkeit der Eigentumsverhältnisse sollen die Ziegen mit einem Namensschild am Ohr gekennzeichnet werden. Johny hat bereits Erfahrungen in der Projektentwicklung und der Betriebsführung. Und seine Projektpartnerin Margarette ist fit in Sachen Projektfinanzierung und -leitung. Mit ihrer Aktion wollen sie nun auch andere Haitianer motivieren, sich an einer nachhaltigen Entwicklung ihres Landes zu beteiligen.

Projekt 4: Linkor – Verbindung der Zivilgesellschaft (Lazar Nikolovski, Zulfi Ismaili)
Den unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Institutionen, sowohl innerhalb eines Landes als auch zwischen den einzelnen Staaten des West-Balkans, mangelt es an einem umfassenden Netzwerk. Im Zuge seines Projektes „Linkor“ möchte Lazar Nikolovski, Student der Willy Brandt School, gemeinsam mit Zulfi Ismaili, Geschäftsführer der Gesellschaft für Entwicklung und Politikgestaltung in Skopje, Mazedonien, eine Online-Plattform kreieren, die die Vernetzung der Institutionen erleichtern soll. Diese soll als virtueller Treffpunkt für aktive Nichtregierungsorganisationen, Think-Tanks sowie andere Interessensgruppen, wie etwa ausländische Entwicklungsbehörden oder Universitäten, fungieren, die sich bei ihrer Arbeit vor allem mit der Politik der West-Balkan-Staaten befassen. „Das Projekt wird die bereits existierenden Kommunikations- und Kooperationskanäle zwischen den Akteuren weiter ausbauen, die Einfluss auf die Politikgestaltung in ihren Ländern üben. Erreicht werden soll dies mithilfe einfacher, effizienter Methoden zur Etablierung und Konsolidierung der Kooperationsbeziehungen“, erklärt Lazar. Dabei geht das Projekt davon aus, dass eine verstärkte Interaktion und die Vernetzung der politischen Interessensgruppen einen positiven Effekt auf deren Effizienz und Effektivität haben werden. „Wir rechnen damit, dass die dadurch entstehenden Partnerschaften zwischen nationalen und regionalen Akteuren der Zivilgesellschaft zur Entwicklung der Gemeinden und des Gemeinschaftslebens in den einzelnen Balkan-Staaten sowie in der gesamten Region beitragen werden. Durch die Kooperation soll der Zivilgesellschaft der Zugang zu politischen Entscheidungsprozessen erleichtert und die Partizipation gestärkt werden. Das fördert eine positive soziale Entwicklung“, glaubt Lazar. Profitieren sollen durch das Projekt vor allem die Organisationen des West-Balkans, wie etwa Nichtregierungsorganisationen und wissenschaftliche Institutionen, aber auch staatliche und internationale Organisationen, die sich mit der Politik der Region intensiv auseinandersetzen.

Projekt 5: The Ballon Dieu Youth Football Club (Matenjay Sheriff)
„Der Ballon Dieu Youth Football Club (BDYFC) wurde von Abraham Keita und mir am 2. März 2017 gegründet, um zum einen die Jugend von Gbanjor mit Sport zu vereinen und zum anderen den nationalen Jugendsport als Chance für Liberia voranzutreiben. Ziel des Clubs ist es, der Gemeinschaft durch die strategische Ausrichtung des Fußballs einen Mehrwehrt zu stiften. Gleichzeitig soll die Teilnahme an Sportveranstaltungen bei Jungen und Mädchen aller Altersklassen gefördert werden“, erklärt Matenjav Sheriff, Studentin der Willy Brandt School of Public Policy. Auch sie bewirbt sich mit ihrem Projekt um den Commitment Award 2017. Derzeit  hat der BDYFC 15 Mitglieder im Alter von 13 bis 21 und ist damit beschäftigt, Fördermittel für die Austragung eines ersten kommunalen Fußballturniers für Jungen und Mädchen zwischen 15 und 21 zu akquirieren. Ziel des Clubs ist aber nicht nur die Förderung der Jugendlichen selbst, sondern auch die Stärkung ihres Gemeinschaftsgefühls und eine Anregung zu einem gesunden und sozialen Lebensstil. Matenjay erklärt: „Mit unserem Projekt soll ein Forum entstehen, das bei den Einwohnern von Gbanjor Gemeinschaftssinn und Stolz weckt.“ Darüber hinaus erhoffen sich die Koordinatoren, talentierten Fußballspielern der Gemeinde den Weg zu einer professionellen Fußballerkarriere ebnen zu können. Matenjay ist sich des Erfolges sicher: „Fußball ist für mich Hobby und Leidenschaft zugleich. Kombiniert mit meinem akademischen Hintergrund im Bereich Psychologie und Public Policy verfüge ich über die erforderlichen Kompetenzen, um das Projekt durchzuführen. Mein Projektpartner Abraham bringt überdies Erfahrung im Organisieren von Fußballturnieren in Liberia mit. Als Team verfügen wir also sowohl über das Wissen als auch über die Begeisterung, um das Projekt zum Erfolg zu führen.“

Projekt 6: Meine Stimme – Meine Zukunft (Muhammad Usman Khan)
Muhammad Usman Khan, Student der Willy Brandt School of Public Policy in Erfurt, ist überzeugt, dass eine Gesellschaft erst dann aufblühen kann, wenn Frauen gleiche Rechte und Möglichkeiten wie Männern zugesichert werden. Mit seinem Projekt „Meine Stimme – Meine Zukunft“, möchte er dafür kämpfen, dass Frauen aus dem Dorf Gagh im Gemeindebezirk Khushab in Pakistan das Recht erhalten, wählen zu gehen und sich zur Wahl aufstellen zu lassen. Laut Usman sind vor allem Analphabetismus, fehlendes Wissen, patriarchische Grundstrukturen innerhalb der Gemeinde und ein Mangel an Aufbauprorammen für bürgerliches Engagement ausschlaggebend dafür, dass Frauen der Weg zur Wahlurne versperrt bleibt: „In der Gemeinde herrscht die verbreitete Ansicht, es sei nicht notwendig, Frauen am politischen Prozess teilnehmen zu lassen. Viele Frauen waren sich ihres rechtlichen Anspruches nicht bewusst. Dies änderte sich erst, als ich begann, Gemeindesitzungen durch die Organisation BEYLI zu organisieren, um die sozialen Problem zu diskutieren. Ich habe vor vier Jahren angefangen, an diesem Projekt zu arbeiten, nachdem ich bemerkt habe, wie vielen Frauen es untersagt wurde, wählen zu gehen“, beschreibt Usman die Situation. „Die kommenden Generationen werden von diesem Projekt profitieren, weil es den Lauf der Geschichte ändert. Den Frauen wird die Freiheit gegeben werden, ihr Leben selbst zu bestimmen. Sie werden zudem die Möglichkeit haben, in der Politik als weibliche Repräsentanten mitzuwirken, was zuvor nicht möglich war. Die politische Teilhabe der Frau ist ein wichtiger Faktor auf dem Weg zur vollständigen Etablierung einer demokratischen Gesellschaft. Die Einbeziehung wird dazu führen, dass Frauen in Zukunft ihre Rechte stärker einfordern werden.“

Bei seinem Projekt wird Usman von der BEYLI-Organisation unterstützt, deren Geschäftsführer er ist. Daneben sind die UN-Entwicklungshilfe für Pakistan, das Bezirksamt für Erziehung und die Wahlkommission Pakistans involviert. Aufgrund seiner Erfahrungen mit ähnlichen  Themen und seines weitreichenden sozialen und beruflichen Engagements ist Usman überzeugt, dass sein Projekt realisierbar ist und einen großen Einfluss auf die Gesellschaft haben wird. Nicht zuletzt deshalb bewirbt er sich um den diesjährigen Commitment Award.

Projekt 7: „Rechtmäßig Meins“ (Sylvia Ruvimbo Matsika)
„Als meine Mutter starb, wurden meine Geschwister und ich Opfer eines traditionellen Brauchs: Meine Verwandten beanspruchten das gesamte Hab und Gut für sich ohne Rücksicht auf uns Kinder oder meinen Vater zu nehmen. Mein Vater, ein eher zurückhaltender Mann, wollte diesen Streit nicht vor Gericht austragen und sso ließ er zu, dass sie fast alle Möbel aus unserem Haus,  unsere Autos, eins unserer Häuser und andere Besitztümer raubten“, erinnert sich Sylvia Ruvimbo, Public-Policy-Studentin aus Simbabwe. „Die traditionelle und kulturelle Erbschaftspraxis Simbabwes bringt die Kinder um ihre rechtmäßige Erbschaft, sobald ein Elternteil stirbt. Obwohl sich die rechtliche Grundlage in Bezug auf Erbschaften durchaus weiterentwickelt hat, bleiben viele Kinder benachteiligt. Sie wissen nicht, dass es die Möglichkeit eines Rechtsbeistandes gibt und können sich keine Anwälte leisten, um ihr rechtmäßiges Erbe zurückzuverlangen.“ Nach dem traditionellen Rechtsverständnis Simbabwes nimmt nach dem Tod eines verheirateten Mannes dessen Bruder seine Rolle ein und erhält so „alles“: die Frau des Verstorbenen, dessen Kinder und dessen gesamten Besitz. Mittlerweile wurde das Erbrecht reformiert und der Brauch wurde offiziell abgeschafft. Trotzdem findet die traditionelle Form vielerorts noch immer Anwendung. Motiviert durch ihre persönliche Erfahrung widmet sich Sylvia diesem Problem, dem von offizieller Seite wenig Beachtung geschenkt wird. Ihre gemeinnützige OrganisationRightfully Mine“ (RIMI) will Verbesserungen im Rechtssystem Simbabwes erwirken. „RIMI soll künftig als gemeinnützige Beratungsstelle auftreten, die kostenlosen Rechtsbeistand bietet. Wenn die Organisation registriert ist, wollen wir umgehend ein Rechtsberatungsteam engagieren, das pro bono arbeitet, um (potenziellen) Opfern zu helfen. Wir planen, ein Büro in der Hauptstadt zu gründen. Später wollen wir weitere regionale Büros einrichten und unser Angebot auf das gesamte Land ausweiten“, erklärt Sylvia. Ziel des Projektes sei es jedoch nicht nur, Kindern durch rechtliche Beihilfe bei Erbschaftsstreitigkeiten zu helfen, „wir wollen der Bevölkerung auch bewusst machen, wie wichtig es ist, Testamente zu verfassen und nicht an überholten kulturellen Normen festzuhalten.“