Soziale Medien

140 Zeichen für die Forschung: Soziale Medien in der Wissenschaft

Soziale Medien und Netzwerke durchdringen mittlerweile viele Lebensfacetten der meisten Menschen. Oft vor allem als Privatperson, immer häufiger aber auch in ihrer beruflichen Rolle – vom Café-Besitzer bis hin zum Designer. Fotos, Videos, Texte, Kommentare und Diskussionsbeiträge bilden heute eine multimediale Visitenkarte, die es ermöglicht, Inhalte zu einer breiteren Öffentlichkeit hin zu transportieren sowie über regionale Grenzen hinaus Bekanntheit und Aufmerksamkeit zu generieren. Dass das auch für die Berufsgruppe der Forscher und Wissenschaftler sowie für wissenschaftliche Einrichtungen einmal interessant sein könnte, das hatten sich zur Geburtsstunde von Facebook, Twitter und Co. sicher die wenigsten vorgestellt. Zwar hält sich die Nutzung von Sozialen Netzwerken im akademischen Kontext hierzulande noch in Grenzen – 28 Prozent der Wissenschaftler nutzen Soziale Netzwerke beruflich, 24 Prozent Weblogs und nur 9 Prozent Mikroblogs – und im Vergleich zur naturwissenschaftlichen Forschung hinken die Geisteswissenschaften sicher hinterher. Aber die Tendenz akademischer Nutzung ist auch dort steigend. Bald folgen Forschergenerationen, die mit den neuen Medien aufgewachsen sind und es für selbstverständlich erachten, diese auch in den beruflichen Alltag zu integrieren. Einige Forscher und Institutionen haben das erkannt und machen sich Blogs und Soziale Netzwerke bereits zunutze – auch an der Universität Erfurt. Drei Statements zu Vorteilen und Herausforderungen von Social Media in der Wissenschaft:

 Soziale Medien in der Wissenschaft verändern
„die akademische Geografie“.

Soziale Medien: Mark PorterMark Porter lebt seit eineinhalb Jahren in Erfurt. Nach seiner Promotion im Bereich Ethnomusikologie in London führte ihn die Aussicht auf weiterführende Forschungsförderung ans Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt. Seitdem forscht er hier zum Thema Resonanzachsen in christlicher Musik. Facebook, Twitter und Online-Plattformen wie academia.edu sind für ihn essenzielle Arbeitsmittel, tagtäglich arbeitet der Brite damit – als Privatperson, aber auch als Forscher. Gerade übernahm er den Twitter-Account WeTheHumanities für eine Woche, ein Account, bei dem jede Woche ein anderer Wissenschaftler die Federführung hat und dort über seine Arbeit, über verschiedene Fragen und Aspekte der Forschung und des Lebens als Wissenschaftler twittert:

„Als ich auf WetheHumanities gestoßen bin, hat es mich sofort fasziniert, auf diese Weise über Wissenschaft zu diskutieren. Ich glaube, der Account zielt wie die meisten anderen Sozialen Medien, die akademisch genutzt werden, auf zweierlei Dinge ab: einmal die Verbindung zu und Vernetzung mit anderen (geisteswissenschaftlichen) Forschern herzustellen, die man zum Beispiel auf Konferenzen nicht so einfach herstellen kann, weil man sich dort ja häufig auf das eigene Forschungsfeld beschränkt. Und zum anderen ist es auch möglich, die Öffentlichkeit anzusprechen und in Interaktion mit ganz unterschiedlichen Menschen zu treten. Ich glaube, ersteres funktioniert tatsächlich auch sehr gut, für mich zumindest. Ich benutze die Sozialen Medien sehr fließend, in erster Linie persönlich, aber, da mein Leben als Privatperson eng verknüpft ist mit meinem Leben als Wissenschaftler, eben auch beruflich. Wissenschaftler, die zu meinem Gebiet forschen, sind in der ganzen Welt verstreut. Wir stehen vor allem über Facebook in engem Kontakt und manchmal bereichern auch andere Menschen unsere Konversationen, zum Beispiel zum Thema Musik und Spiritualität, was ja beides Themen sind, die viele angehen und mit denen viele Erfahrungen haben. Dann erfüllt sich auch das zweite Ziel: der Kontakt mit der interessierten Öffentlichkeit. Neulich hat ein Forscher zum Beispiel auf Twitter die Frage in den Raum gestellt ‚Was ist euer Lieblingsklang?‘. Das hat eine richtige Kettenreaktion in Gang gesetzt. Die unterschiedlichsten Leute sind darüber in den Dialog getreten. Ein noch größeres Ereignis war die Veröffentlichung von Beyoncés „Lemonade“ im vergangenen Jahr. Das hat eine wirklich interessante Diskussion in Gang gebracht über Musik und Religion, über Spiritualität, Feminismus, Rasse. Das war ein Thema, das die Wissenschaftler genauso auf den Sozialen Kanälen diskutiert haben wie die breitere Öffentlichkeit, wie Journale und Magazine. Genau für solche Auseinandersetzungen bieten Social Media eine gute Plattform, weil ganz unterschiedliche Menschen und Dinge zusammenkommen und interagieren, das kann ganz neue Fragen für die Forschung aufwerfen, Denkanstöße geben. Und ich glaube, für meine eigene Arbeit ist das auch interessant, weil sie eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praktikern ist und Interaktion ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit ist. Ich gehe für meine Untersuchungen in die Gemeinden und stelle dort gezielt vor Ort Fragen zu Musik und Klang und welche Bedeutung diese in den jeweiligen Gemeinden haben. So trete ich schon in den Dialog und ich bekomme Feedback. Und genau diese Herausforderungen – Feedback zu bekommen, in den Dialog zu treten – auch dabei können Twitter und Facebook helfen, ich kann sie als Quelle für meine Forschung nutzen, ich frage Interviews über sie an und nehme Kontakt zu Praktikern auf.
Darüber hinaus verändern Soziale Medien auch die Art und Weise, wie sich Wissen verbreitet, beispielsweise auf Plattformen wie academia.edu, das eine wichtige Rolle darin spielt, wissenschaftliche Inhalte verfügbar zu machen. Vielen meiner Kollegen ist es wichtig, dort zumindest mit einem Profil präsent zu sein, damit andere auch sehen, was sie machen. Aber natürlich muss man sich in der ersten Karrierephase genau überlegen, wo man was veröffentlicht. Das Ziel meiner wissenschaftlichen Arbeit ist nach wie vor, sie in einem renommierten Fachmagazin zu veröffentlichen. Aber soweit es Verträge zulassen, publiziere ich meine Ergebnisse auch gern auf anderen Plattformen – nicht unbedingt als Paper, aber als Fragestellung, als Themenvorstellung, als Diskussionsanstoß. Soziale Medien ersetzen damit natürlich die klassischen Kontakt- und Austauschmöglichkeiten in der Wissenschaft nicht, aber sie ergänzen diese, sie verändern die Modi und sie verändern vor allem die akademische Geografie: Beispielsweise befindet sich an der Uni Erfurt und in der Region nicht meine primäre Forschungscommunity, meine Forschungsgemeinschaft ist verstreut in aller Welt. Und über die Sozialen Medien gelingt es uns, uns trotzdem als Gemeinschaft zu empfinden.“

„Die Vorstellung einer ständigen Diskussion ist utopisch.“

Soziale Medien: Martschukat und BüttnerAnders als Mark Porter, nutzt Stefanie Büttner Soziale Medien beruflich nicht als Einzelforscherin, sondern als Vertreterin einer Forschungscommunity, die sich mit dem Thema Ernährung, Gesundheit und Gesellschaft auseinandersetzt. Büttner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Nordamerikanische Geschichte der Universität Erfurt und promoviert gerade zum Thema „Food and the Mastering of Pleasure: Ernährung, Gesundheit und Genuss in den USA der 1970er- und 1980er-Jahre“. In diesen Funktionen betreut sie momentan auch den Blog und das zugehörige Facebook-Profil „Food, Fatness and Fitness“. Ihre Aufgaben sind neben der inhaltlichen Mitarbeit vor allem die technische Redaktion, das Anwerben neuer und die Betreuung bereits angeworbener Autorinnen und Autoren. Damit nutzt sie Soziale Medien nicht nur aktiv selbst im akademischen Kontext, sondern muss auch immer wieder andere Wissenschaftler anfragen und motivieren, das zu tun. Häufig ist das eine Herausforderung für das vergleichsweise noch kleine wissenschaftliche Netzwerk hinter dem Blog. Dabei liegen auch für Stefanie Büttner (Foto re.) und das hiesige Projektteam aus Dr. Nina Mackert und Prof. Jürgen Martschukat (Foto li.) die Vorteile einer wissenschaftlichen Nutzung Sozialer Medien auf der Hand:

„Der Ursprung unseres Blogs liegt in den Projekten Das essende Subjekt und Ernährung, Gesundheit und Soziale Ordnung: Deutschland und die USA. In dem Blog sahen wir eine Möglichkeit, die Forschungsthemen dieser Projekte in ein breites, international sehr vielfältiges Netzwerk einzubetten und Diskussionen anzustoßen. Wichtig war uns, das Blogformat in Englisch zu präsentieren und dadurch weltweite Erreichbarkeit und auch vor allem internationale Perspektiven zu ermöglichen. Viele Themen des Projektes entwickeln eine historische Perspektive aus Debatten der Gegenwart heraus oder bringen einen kritischen soziologischen und kulturwissenschaftlichen Blick darauf ein. Essen ist nicht nur gesellschaftlich ein sehr aktuelles und virales Thema, sondern Forschungsbereiche wie Critical Fat oder Food Studies haben Konjunktur. Über die Sozialen Medien wie den Blog und Facebook können wir überregional und interdisziplinär in den Fachaustausch treten. Wir sehen sie als Chance, Projekte und Beiträge zu promoten, darüber zu diskutieren und auch die am Thema Interessierten kurzfristig darauf aufmerksam zu machen. Ein Wunsch ist es auch, unsere wissenschaftliche Arbeit in einen Dialog jenseits des akademischen Publikums zu bringen. Internationale Beitragende teilen diese Anliegen häufig, sie sind sehr offen für eine akademische Nutzung der Sozialen Medien und nutzen Facebook, Twitter und Co. sehr frei. Deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermitteln mir oft den Eindruck, dass sie sehr interessiert daran sind, neue Formate zu nutzen, sich dann aber mehr Gedanken darüber machen, ob sie ihren Schreibstil dafür ändern müssen oder ob eine verkürzte Darstellung noch ihrer Forschungsleistung gerecht wird. Und das ist tatsächlich eine der großen Herausforderungen. Beiträge müssen prägnanter, knapper, aktueller sein und das in ungewohnten 1.200 Wörtern. Aber nicht nur, wie man einen Beitrag in Blog-Form bringt und trotzdem fachliche Argumente nicht verkürzt darstellt, sondern auch, wie man mit Kommentaren umgeht und in der Diskussion agiert, ist für die meisten neu. In der Kürze kann man auch schnell aneinander vorbeireden oder der Ton eines Kommentars kann anders interpretiert werden als er gedacht war. Dadurch mag man sich auch angreifbarer machen als beispielsweise bei einem vertrauteren interpersonalen Austausch auf einer Tagung. Bisher haben wir auch festgestellt, dass ein persönlicher Kontakt noch immer unersetzbar ist, vor allem für die Anwerbung neuer Autorinnen und Autoren. Einige Beiträge auf dem Blog wären sicher nicht zustande gekommen, wenn man sich nicht vorher persönlich kennengelernt oder über einen Vortrag Anknüpfungspunkte für eine Kontaktaufnahme gefunden hätte. Daran zeigt sich auch, dass die Nutzung Sozialer Medien für die Wissenschaft zwar einiges vereinfacht: Vernetzung, Austausch, Erzeugung von Aufmerksamkeit und Bekanntheit. Aber eine ernsthafte Nutzung ist auch harte Arbeit. Aus unserer mittlerweile mehrjährigen Erfahrung mit dem Blog heraus haben wir festgestellt, dass auch diese Art der Publikation kein Selbstläufer ist, nur weil man ein innovativ daherkommendes Format gewählt hat. Man muss einen Blog auch bewerben, regelmäßig pflegen. Es hilft zu wissen, was andere machen, auf Facebook muss man sich aktiv bewegen, nach themenrelevanten Einträgen suchen und sie teilen oder liken. Es muss scheinbar ständig etwas passieren, um Aufmerksamkeit zu generieren. Und selbst dann bleibt meiner Meinung nach die Vorstellung einer ständigen Diskussion utopisch, denn viele User sammeln zwar Input, beteiligen sich aber nicht aktiv. Hilfreich ist es, wenn die Gastautoren selbst schon stark vernetzt sind. Mit amerikanischen Autoren haben wir schon die Erfahrung gemacht, dass Austausch, Diskussion und Weitervernetzung dann wirklich funktionieren können. Meine Hoffnung ist, dass das bald bei immer mehr Beiträgen so sein wird und dass der Blog dann eine noch stärkere politische und aktuelle Tiefe bekommt.“

 „Für die Digital Natives ist die Nutzung
Sozialer Medien eine ganz normale Kulturtechnik.“

Soziale Medien: Hendrikje CariusVor ähnlichen Herausforderungen wie Stefanie Büttner, die im Namen eines Projektverbundes bloggt, steht auch gerade Dr. Hendrikje Carius. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt zum Ausbau der Forschungsbibliothek Gotha (FBG) der Universität Erfurt zu einer Forschungs- und Studienstätte für die Kulturgeschichte des Protestantismus in der Frühen Neuzeit. In dieser Funktion ist die Historikerin auch für die Weiterentwicklung digitaler Lösungen der FBG verantwortlich. Gerade ist sie mit der Konzeption und dem Aufsetzen eines Blogs der Forschungsbibliothek betraut, der zukünftig die bereits bestehenden Blogs zu Projekten und Sammlungen der FBG ersetzen und das Themenspektrum erweitern soll. Die FBG als Blog-betreibende Institution möchte damit Forschungsaustausch und wissenschaftliche Vernetzung erzielen sowie die interessierte Öffentlichkeit erreichen. Aber auch der Servicecharakter der Bibliothek soll dabei nicht vergessen werden – viele Aspekte, die unter einen Hut gebracht werden wollen. Dass dafür ein Blog in Kombination mit den Sozialen Medien wie Twitter das geeignete Instrument ist, war auch für Hendrikje Carius und die FB Gotha die logische Schlussfolgerung aktueller Entwicklungen:

„Wir als Forschungsbibliothek sind schon länger bestrebt, unsere Wissenschaftskommunikation zu optimieren. Gleichzeitig haben wir gesehen, dass unsere bisherigen Blogs gut angenommen werden und auch international Leser finden. Für uns stellte sich also die Frage: Wie können wir das besser zentrieren und uns stärker fokussieren – und dabei weitere Bereiche und Sammlungsbestandteile einbeziehen? Ein Blog, der alles bündelt, ist für uns das geeignete Medium, möglichst viele Menschen – vom Forscher, über den Bibliotheksnutzer bis hin zu Themeninteressenten – zu erreichen. Dadurch soll die FBG als Ganze nicht nur sichtbarer und die Sammlungen der Forschungsbibliothek öffentlich bekannter werden, auch einzelne Spitzenstücke sollen stärker in den Fokus rücken. Und natürlich möchten wir auch an aktuelle Forschungsdebatten anknüpfen, beispielsweise mit der Veröffentlichung von Tagungsbeiträgen und Vorträgen. Er ist aber nicht als rein wissenschaftlicher Sammlungsblog gedacht, sondern auch News sowie Service- und Veranstaltungsmeldungen sollen einbezogen werden. Die Forschungsbibliothek Gotha selbst deckt als Forschungs-, Service- und Kultureinrichtung viele Handlungsfelder ab und das soll letztlich auch der Blog widerspiegeln. Das ist schon eine besondere Herausforderung – genau wie die geplante Zweisprachigkeit, um auch international zu agieren, sowie die Übertragung von Texten in eine online gut lesbare Form. Eines unserer wichtigsten Ziele ist es dabei, im Sinne einer dynamischen Wissenschaft kurze, aber qualitativ hochwertige Texte zu wissenschaftlichen Themen zu verbreiten und über die Kommentarfunktion und zugehörige Twitter-Posts in einen Austausch zu treten. Ich beobachte, dass Soziale Medien einen zunehmend hohen Stellenwert auch in der Wissenschaft einnehmen. Gerade für die jüngere Generation ist es wichtig, ihre Forschungsarbeit zu präsentieren, und zwar über Plattformen wie ResearchGate hinaus. Es gibt Befürworter dieser Entwicklung, die es fast schon als Verpflichtung ansehen, auch in der Rolle als Forscher in den Sozialen Medien präsent zu sein. Und für die nachkommende Forschergeneration – die Digital Natives – ist die Nutzung Sozialer Medien eine ganz normale Kulturtechnik. Diese erwarten dann auch, dass man sich dort als Einrichtung präsentiert. Ihr kritischer Filter ist nicht so stark ausgeprägt gegenüber Blog, Twitter und Co. wie der der Digital Immigrants. Diese haben oft noch größere, auch verständliche Hemmungen – gerade, was die Qualität der Online-Texte und den Zeitpunkt der Veröffentlichung von neuen Erkenntnissen angeht. Es sind genau diese Fragen, die uns aus bibliothekarischer und wissenschaftlicher Sicht natürlich ebenfalls beschäftigen. Ich denke, die Standards und Formen sind hier noch im Findungsprozess und sie sind auch stark abhängig von Thema und Akteur. Wir als wissenschaftliche Institution müssen schon bestimmte Qualitätskriterien einhalten, um glaubwürdig und authentisch zu bleiben. Und wenn das gelingt, überwiegen die Vorteile ganz klar: austauschen, netzwerken, informieren, veröffentlichen, kommentieren und kritisch betrachten. Natürlich wird die Resonanz nicht immer positiv sein, damit muss man umgehen können und eine Chance darin sehen. Im Sinne der Diskursivität ist es manchmal nämlich ganz gut, Themen und Fragestellungen einfach einmal zur Diskussion zu stellen und aus verschiedenen Perspektiven kritisch betrachten zu lassen.“

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