Seelenkampf: Identität

Im Kampf um die Seelen: Identität

Mit der Reformation im 16. und 17. Jahrhundert entstand eine von zunehmender Vielfalt geprägte religiöse Gesellschaft in Deutschland. Auch auf dem Gebiet des heutigen Thüringen lebten Anhänger verschiedener Konfessionen, Religionen und Glaubensrichtungen – mitunter in enger Nachbarschaft. Diese Pluralität war neu und die Menschen mussten den Umgang mit ihr erst erlernen. Die Ausstellung „Im Kampf um die Seelen – Glauben im Thüringen der Frühen Neuzeit“ in der Forschungsbibliothek Gotha zeigt, welche Konflikte es dabei gab und wie um Lösungen für ein friedliches Mit- und Nebeneinander gerungen wurde. Im Kampf um die Seelen, den die Konfessionen untereinander ausfochten, spielen drei ineinander verschränkte Aspekte eine wesentliche Rolle, die in einer Textreihe näher betrachtet werden sollen: Toleranz, Wahrheit und Identität. Der erste Teil blickte bereits auf die Reformation als Geburtshelfer der Toleranz, ein weiterer auf den Kampf um die Seelen als Kampf um die Wahrheit. Dass die Glaubensfrage in der Frühen Neuzeit auch eine Frage der Identität war, zeigt der letzte Teil unserer Textreihe.

Seelenkampf für die Identität: Vom wahren Glauben und konfessionellen Grenzüberschreitungen in der Reformationszeit

„Wenn man mit einem Glauben nicht klarkam, ist man eben über die Grenze gegangen.“ Dr. Sascha Salatowsky von der Forschungsbibliothek Gotha hält inne. Richtig zufrieden ist der Kurator der Ausstellung „Im Kampf um die Seelen“ mit dieser Aussage nicht. Aber sie ist treffend, wenn man über das Thema Identität in der Frühen Neuzeit spricht. „Identifiziert hat man sich damals vor allem über seinen Glauben“, sagt Salatowsky. „Dieser bestimmte oft das Selbstverständnis der Menschen, von ihm hing schließlich das eigene Seelenheil ab.“ Der Glaube bestimmte die religiöse Praxis und Lutheraner, Calvinisten, Katholiken und Reformierte entwickelten ihr jeweils eigenes Selbstverständnis als gute Christen und damit ihre eigene konfessionelle Identität. Klassische Identitätsfiguren im Glaubenskampf der Frühen Neuzeit waren Martin Luther, der Papst, der jeweilige Bischof – und nicht zuletzt der Herrscher des eigenen Landes, denn: „Wessen Territorium, dessen Glauben“ war die gültige Formel spätestens seit dem Augsburger Religionsfrieden 1555. Doch gerade innerhalb des Protestantismus hatte dieses Motto keine starre Gültigkeit, schließlich sollte niemand zu einem bestimmten Glauben gezwungen werden – so erwies sich beispielsweise Herzog Ernst der Fromme von Sachsen-Gotha-Altenburg, ein Freund und Förderer des Luthertums, diesbezüglich als relativ tolerant. Abgesehen von einigen bikonfessionellen Gemeinden wie Erfurt oder Schmalkalden, in denen das Neben- und Miteinander unterschiedlicher Konfessionen zeitweise sehr gut funktionierte, hatten es Andersgläubige dennoch häufig schwer. Sie wurden nicht nur Spielball im Kampf um die Seelen, häufig fochten sie auch innerlich einen Seelenkampf um den möglichen wahren Glauben aus. „Über die Grenze gehen“ war für sie der mögliche Ausweg aus einer religiösen „Identitätskrise“. Eine Grenze übertreten bedeutete aber nicht zwangsläufig Auswandern und Migration – auch das gab es natürlich, gerade wenn der eigene Glaube dem des im Herrschaftsgebiet verbreiteten widersprach. „Der wirklich stärkste Schritt, für seinen Glauben und damit für die eigene religiöse Identität einzustehen, war jedoch die Konversion“, betont Salatowsky. Und ein besonders aufsehenerregendes Beispiel einer Konversion spielte sich in Thüringen ab: der Übertritt Andreas Wigands vom katholischen Jesuitenorden zum Luthertum.

Der Jesuitenorden wurde 1534 als innerkatholischer Reformorden von Ignatius von Loyola (1491–1556) gegründet. Als Gesellschaft Jesu verschrieb er sich dem „Fortschritt der Seelen in Leben und christlicher Lehre“ sowie der Glaubensverbreitung. In dieser Funktion war er gerade im Zuge der Gegenreformation, also dem Vorhaben der Rekatholisierung von Gebieten und Menschen, der katholischen Kirche ein bedeutender Unterstützer und ein wichtiger Akteur katholischer Identität und katholischen Selbstverständnisses. „Mit seinen hoch gebildeten Mitgliedern bildete der Jesuitenorden die Speerspitze der Gegenreformation“, betont Sascha Salatowsky. Unter der Bevölkerung und Andersgläubigen war sein Ansehen jedoch gespalten: Während der Orden vielerorts mit dem Bau von Schulen und anderen Einrichtungen, mit Seelsorge und Sakramentspendung die Menschen wieder zum Katholizismus bekehren oder in ihrem bestehenden katholischen Glauben bestärken konnte, wurde er andernorts immer wieder bekämpft und mitunter sogar vertrieben. Wie die meisten anderen Glaubensgruppen der Frühen Neuzeit wurde er in Polemiken angefeindet und verunglimpft. Das erschwerte den Ordensmitgliedern oft eine dauerhafte Niederlassung und damit die Ausübung ihrer Arbeit. Das war in Erfurt nicht anders. Dennoch übten sie hier ihre üblichen Ordenstätigkeiten aus, warben für den Katholizismus, führten Prozessionen durch, polemisierten gegen das Luthertum und erreichten einige Konversionen, die gerade im bikonfessionellen, katholisch-lutherischen Erfurt für die katholische Kirche sehr bedeutend waren.
Andreas Wigand (1606–1674) gehörte zunächst dem Trierer Jesuitenorden an, in den er 1626 eintrat. Nach dem Besuch einer Höheren Schule in Trier studierte Wigand Philosophie in Würzburg, wo er Kontakt zu dem bekannten Universalgelehrten und Jesuiten Athansius Kircher knüpfte. „Mit ihm floh Wigand in den Wirren des 30-jährigen Krieges nach Toulouse, wo er Theologie studierte“, erzählt Salatowsky. „Die anschließende Arbeit als Theologie-Professor und Prediger führte ihn schließlich auch wieder nach Deutschland und nach Erfurt, wo er – das verraten uns noch heute seine Aufzeichnungen – viele Gespräche mit Lutheranern führte. Und diese überzeugten ihn anscheinend, dass er sein Seelenheil viel eher im Luthertum als im Katholizismus finden würde.“ So schreibt Wigand 1671: „biß ich endlich bey mir/ und in meinem Gewissen befunden / und gäntzlich dafür gehalten / ich werde viel sicherer und gewisserer dem Himmel zugehen/ wann ich das verwüstete / und durch so viel Irrthüme beschmeiste und verderbte Papstthum verliesse/ und mich zu der alten / und von Luthero gereinigten Kirchen wendete und begebe“. Der Jesuit erkannte also, dass er sich nicht länger mit dem „verdorbenen und von Irrtümern geprägten“ Papsttum identifizieren kann und dass die einzige Möglichkeit, in den Himmel zu kommen, der Übertritt in das von diesen Irrtümern „bereinigte“ Luthertum ist. „Am 1. Juni 1671 entschied sich Wigand schließlich für seine Konversion, und dafür, eine territoriale Grenze und anschließend eine weitere – die konfessionelle – zu übertreten: Er verließ also das Jesuitenkolleg in Erfurt, das trotz seiner Bikonfessionalität stark unter dem Einfluss des Bistums Mainz stand, und reiste nach Jena, wo er am 9. Juli in der dortigen Stadtkirche seine Widerrufs-Predigt hielt.“ Darin fasste Wigand auch noch einmal zusammen, was er an der katholischen Kirche und dem Papsttum zu kritisieren hatte: das Klostergelübde, den Heiligen- und Reliquienkult, den Abfall von der wahren Kirche Christi, den Machtmissbrauch des Papstes als Herr über Himmel und Hölle, die Erfindung des Fegefeuers und der Keuschheit, die Ohrenbeichte, den Ablasshandel, die Prunksucht und nicht zuletzt das Streben nach weltlicher Macht.

Aus Wigands Konversion und seiner in großer Auflage gedruckten Widerrufspredigt heraus entfesselte sich eine heftige Kontroverse zwischen Katholiken und Lutheranern, in der sich beide Parteien gegenseitig antworteten und widerlegten. Wigand selbst fand sich gut in seiner neuen konfessionellen Identität als Lutheraner ein. Er lebte bis zu seinem Tod  in Jena, das unter Herzog Bernhard von Sachsen-Jena lutherisch geprägt war, und arbeitete dort im Oberkonsistorium und der Theologischen Fakultät. Vielleicht ermutigte seine Geschichte auch andere Menschen, für die eigene Identität und das erhoffte Seelenheil den Glauben zu wechseln. Ein Einzelfall blieb Andreas Wigands Konversion jedenfalls in Thüringen nicht. Wie kaum eine andere Geschichte zeigt sein Leben jedoch, wie stark der Kampf um die Seelen in der Frühen Neuzeit oft auch mit einem inneren ein Kampf um das Seelenheil und um die eigene Identität verbunden war.

 

Informationen zu Ausstellung:
„Im Kampf um die Seelen“ – Glauben im Thüringen der Frühen Neuzeit
Ausstellung im Spiegelsaal der Forschungsbibliothek Gotha, Schloss Friedenstein
bis 9. Juli 2017 | Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr
Virtuelle Ausstellung: projekte.uni-erfurt.de/im-kampf-um-die-seelen

Abbildungen:
Wigand, Andreas: Sermo Revocatorius, Das ist: Widerruffs-Predigt Andreae Wigandi Auff unterschiedlichen Thum-Cantzeln, als Mäyntz, Würtzburg, Speyer … Darinn seines von dem Pabstthum Abfalles … kund gemachet werden, Zu Jena in der Haupt-Kirchen … Den 9. Julii im Jahr 1671. … gehalten. S.l. 1671. Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek.
Andreas Wigand: Sermo Revocatorius. Das ist: Wiederruffs-Predigt, Jena: Nisius, ca. 1671. FB Gotha, Th 8° 369 (9), S. 21.

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