PD Dr. Cornelia Betsch

Nachgefragt: „Für wie wirksam halten Sie den neuen Vorstoß der Bundesregierung gegen die Impfmüdigkeit, Frau Dr. Betsch?“

Bereits seit 2015 sind Eltern, die ihr Kind in einer Kita anmelden, verpflichtet, zuvor mit einem Arzt darüber zu sprechen, ob der Nachwuchs gegen gängige Krankheiten geimpft werden soll – eine Verpflichtung, die von Experten dringend empfohlenen Impfungen vornehmen zu lassen, besteht jedoch bislang nicht. Kitas haben aber die Möglichkeit, die Aufnahme von Kindern abzulehnen, deren Eltern nicht in der Impfberatung waren. Damit soll verhindert werden, dass Ungeimpfte die anderen Kinder oder das Personal zum Beispiel mit Masern anstecken. Die Bundesregierung will nun den Druck auf Eltern erhöhen, die eine ärztliche Impfberatung für ihr Kind ablehnen. Der Bundestag soll einen Gesetzentwurf beschließen, nach dem Kitas den Gesundheitsämtern melden müssen, wenn Eltern sich der vorgeschriebenen Beratung verweigern. „WortMelder“ hat bei PD Dr. Cornleia Betsch, Psychologin und Mitinitiatorin des im Oktober 2017 an der Uni Erfurt startenden Master-Studiengangs Gesundheitskommunikation, nachgefragt: „Für wie wirksam halten Sie diesen Vorstoß und kann er langfristig der Impfmüdigkeit‘ entgegenwirken, Frau Dr. Betsch?“

„Insgesamt finde ich wichtig, dass das ‚System‘ sich nicht darauf zurückzieht, dass Menschen nicht impfen wollen. Daran denkt man immer zuerst, aber es gibt viele Gründe, warum Menschen sich nicht impfen lassen  – z.B. wie einfach oder schwer es einem gemacht wird: Impfen in Apotheken? Da wehren sich die Ärzte. Erwachsene beim Kinderarzt mitimpfen? Da wehren sich die Krankenkassen. Ein zentrales Impfregister? Da wehren sich die Datenschützer. Eine automatische Impferinnerungen durch den Arzt? Das leisten sich nicht alle Ärzte, denn das System und der Mehraufwand kostet Geld. Dies sind nur einige Beispiele.

Das gesetzliche Sanktionieren der Beratungspflicht scheint mir wie ein letzter Strohhalm, um politischen Willen zu demonstrieren, denn jährlich erhält Deutschland einen Brief der WHO, der kritisiert, dass wir bei der Masern-Elimination immer noch ganz weit hinten liegen. Ich finde eine Beratungspflicht allerdings grundsätzlich besser als eine Impfpflicht, denn wir konnten in einer Studie zeigen, dass teilverpflichtende Impfungen, wie es jetzt in Italien umgesetzt wird, auch kontraproduktiv sein können. Und Strafe, psychologisch gesehen, wirkt an sich gut. Man kann sich in diesem Zusammenhang jedoch weiter fragen, ob es sinnvoll ist, den Bürger zu bestrafen, wenn er eine Beratung verweigert, es den Ärzten aber weiterhin erlaubt ist, von Impfungen abzuraten. Letztlich kann man sich ja auch einen impfkritischen Arzt suchen. Wenn man an Sanktionen denkt, finde ich das australische Modell interessanter, in dem voll geimpfte Kinder mit vollem Kindergeld belohnt werden – denn dies unterstützt den Solidargedanken und macht ihn sichtbarer. Hier ist das Stichwort Gemeinschaftsschutz wichtig – denn zu wissen, dass man auch andere mit seiner Impfung schützen kann, erhöht die Impfbereitschaft, wie wir in einer Studie zeigen konnten.

Aus der Beratungspflicht ergeben sich auch wichtige andere ungeklärte Fragen – mit welchem Material berät der Arzt – was ist das Mindestmaß? Wer gibt das Infomaterial heraus? Wie geht man mit Falschinformation um, die die Eltern mitbringen? Wer unterstützt die Ärzte dabei, das fachgerecht zu entkräften? Hier gibt es großen Handlungsbedarf. In einem aktuellen Kommentar in der Zeitschrift Nature Microbiology, der im Juli erscheint, habe ich zusammengefasst, welche Strategien laut wissenschaftlicher Studien hier hilfreich sein könnten. Dazu zählt zum Beispiel, dass mögliche Zweifel respektiert werden sollten und im Gespräch mit impfkritischen Eltern eher Informationsangebote gemacht werden und ihnen Meinungen nicht übergestülpt werden sollten. Aber die Ausführung solcher Strategien bedarf wieder einer Unterstützung der Ärzte, die damit nicht alleine gelassen werden sollten. Insgesamt hoffe ich, dass durch die Beratungspflicht die Information stärker ‚von alleine‘ zu den Eltern kommt, als dies jetzt der Fall ist. Außerdem sollten weitere praktische Barrieren abgebaut werden, also das Impfen noch einfacher gemacht werden.“