Prof. Dr. Walter Bauer-Wabnegg

Neues Karrierekonzept der Uni Erfurt: „Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht“

Die Universität Erfurt hat soeben ein neues Karrierekonzept vorgelegt. Im Interview mit dem „WortMelder“ erläutert der Präsident, Prof. Dr. Walter Bauer-Wabnegg, die Hintergründe.

Herr Prof. Bauer-Wabnegg: Wofür braucht die Uni Erfurt ein Karrierekonzept?
Bis 2012 hatte die Universität Erfurt eine recht konventionelle Personalstruktur. Das heißt: Unbefristete Universitätsprofessuren haben wir mit der Besoldung nach W2 oder W3 besetzt und Juniorprofessuren nach W1 und immer befristet auf sechs Jahre. Eine systematische Karrierebegleitung und Personalentwicklung gab es praktisch nicht. Und weil vergleichsweise häufig jüngere Professorinnen und Professoren die Hochschule bald wieder verließen, bekam die Uni Erfurt über die Zeit den Ruf einer „Erstberufungsuniversität“. Denn im Hinblick auf die Personalgewinnung fehlten und fehlen uns ja noch heute in der Regel die Mittel, um mit den Angeboten größerer Universitäten in Deutschland oder im Ausland konkurrieren zu können. Das führte schließlich dazu, dass junge Wissenschaftler Rufen an andere Hochschulen folgten und uns – nicht selten auch mit vielversprechendem wissenschaftlichem Nachwuchs – verließen, weil ihnen an größeren und finanziell besser ausgestatteten Hochschulen ganz andere Perspektiven geboten werden konnten. Eine Justierung unserer Karriere- und Berufungspolitik war also nicht nur sinnvoll, sondern auch angebracht und so haben wir aus der Not eine Tugend gemacht: Um innovative Köpfe zu gewinnen, die wir auch langfristig halten können, haben wir uns des angloamerikanischen Modells der Tenure-Track-Professur bedient und sogenannte „Career-Track-Professuren“ ins Leben gerufen. Ein Personalentwicklungsmodell, bei dem wir junge Kolleginnen oder Kollegen berufen wollen und ihnen eine echte Karriereentwicklung mit der Perspektive auf eine unbefristete Verbeamtung anbieten. 2012 haben wir erstmals eine solche Professur ausgeschrieben – und ein lange währendes, bis dato erfolgloses Besetzungsverfahren schließlich doch zum Erfolg gebracht. Der Kollege ist heute noch bei uns, sogar nach einem abgelehnten Ruf einer anderen Hochschule! Wir haben also mit unserer Idee Recht behalten. Inzwischen haben wir ein transparentes Karrierekonzept, das die „Spielregeln“ genau aufzeigt.

Auch Bund und Land sehen inzwischen diese Chancen für die Hochschulen und haben uns aufgefordert, solche Konzepte zu entwerfen. Durch die Ziel- und Leistungsvereinbarungen mit dem Land sind wir dazu genau genommen sogar verpflichtet. Das war kein Problem für uns, denn zu diesem Zeitpunkt waren wir ja schon auf dem Weg – und haben 2015 weitere sieben Career-Track-Professuren ausgeschrieben, von denen vier bereits besetzt sind und sich weitere drei gerade in der Besetzung befinden. Mit unserm Karrierekonzept beteiligen wir uns folgerichtig auch am Bundesprogramm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, das solche Professuren fördert.

Was zeichnet das Konzept und mit ihm die Karrierewege an der Uni Erfurt aus?
Verbunden mit der Grundsatzentscheidung,  Karrierewege an unserer Uni auszudifferenzieren, haben wir uns entschlossen, künftig keine befristeten W1-Junior oder W2-Professuren mehr auszuschreiben. Und wir wollen unbefristete Professuren nur noch als W3-Professuren ausreichen. Damit verschiebt sich der strategische Fokus deutlich auf die Career-Track-Professur. Dies bedeutet auch, dass künftig bei jeder Ausschreibung eingehend geprüft wird, ob eine Universitätsprofessur nicht vorzugsweise als Career Track ausgeschrieben werden kann. Es gibt also künftig an der Uni Erfurt die Möglichkeit, auf ganz klassischem Wege auf eine W3-Professur berufen zu werden – zunächst befristet, oder, falls die derzeitigen Vorschläge für die Novellierung des Thüringer Hochschulgesetzes so bleiben, auch gleich unbefristet. Dann gibt es die Möglichkeit, entweder in einen „Junior Career Track“ einzusteigen, also in eine W1-Juniorprofessur mit Tenure Track zu W3 oder in einen sogenannten „Advanced Career Track“, also in eine W2-Professur mit Tenure Track zu W3. Grundsätzlich ist der Career Track für Postdocs geeignet, die promoviert oder habilitiert sind bzw. schon eine Juniorprofessur oder Nachwuchsgruppenleitung innehaben bzw. -hatten und sich auf dem Weg zur Professur befinden. Bewerber auf einen Erfurt Career Track müssen nach der Promotion die Universität gewechselt haben oder mindestens zwei Jahre außerhalb der Universität Erfurt wissenschaftlich tätig gewesen sein – das ist eine der Grundregeln. Der Career Track soll ja, auch wenn er ein Personalentwicklungsmodell ist, nicht etwa die Hausberufung als Standardfall etablieren.

Wichtig ist uns aber auch, dass neben den rechtlichen Rahmenbedingungen im Career Track auch immer Karrierebegleitung und Mentoring stattfinden. Die Kollegen sollen hier schnell ankommen können, eingebunden werden, Ansprechpartner haben, jüngere Kollegen sollen auch begleitet werden. Das ist ein großer Vorteil des Tenure-Track-Modells, finde ich.

Und für den jüngeren Nachwuchs, also den nicht professoralen, haben wir ein Karriereprogramm entworfen, das ganz verschiedene Module enthält, die der Personalentwicklung und Karriereförderung dienen. Das eignet sich schon für diejenigen, die erst eine Promotion ins Auge fassen, für unsere Promovierenden und für die Postdocs.

Aber die Uni fördert ja sicher nicht nur ihren Nachwuchs, sondern unterstützt auch etablierte Wissenschaftler. In welcher Form?
Ja, eben genau weil wir nicht nur Nachwuchs fördern wollen, haben wir uns für eine Betonung des W2-Einstiegs im Career Track entschieden – im Grunde kann man solche fortgeschrittenen Forscher ja kaum noch als Nachwuchs bezeichnen, auch wenn das hochschulpolitisch „usus“ ist. Wichtig war es uns, keine „lost generation“ zu produzieren. Das Konzept der Juniorprofessur konnte nur selten produktiv umgesetzt werden: Anstatt den Nachwuchs zu fördern, wurden in den meisten Fällen durch die befristete Perspektive noch mehr qualifizierte, aber doch noch immer auf Dauer mehrheitlich beschäftigungslose Wissenschaftler produziert. Die Neujustierung in Richtung Tenure Track darf aus meiner Sicht nicht dazu führen, dass damit diejenigen übergangen werden, die sich bereits in der Wissenschaft bewährt haben, aber gerade dadurch als überqualifiziert für einen Tenure Track gelten. Diese fortgeschrittenen Nachwuchswissenschaftler wollen wir für uns gewinnen können. Im Rahmen des Tenure-Track-Bundesprogramms bewerben wir uns deshalb auch um vier W2-Career-Track-Professuren.

Aber natürlich wollen wir auch unsere etablierten Wissenschaftler weiter unterstützen. Wir halten am Format des Antragscoachings fest, das sich inzwischen wirklich positiv auf die Einwerbung von Drittmitteln ausgewirkt hat. Und natürlich bleiben auch die Beratungsstrukturen in der Forschung erhalten. Ergänzt und systematisiert haben wir indessen die Förderstrukturen über einen Forschungsförderfonds. Hier sind wir jedoch noch in der konzeptionellen Phase; wir müssen das Angebotsportfolio noch zu Ende denken und entscheiden, was am besten zu uns und zu unseren Wissenschaftlern passt. Aber es gibt schon jetzt die Möglichkeit, Unterstützungen für Antragsvorbereitungen oder Veranstaltungen zu erhalten. Und es gibt die Angebote der HIT, also der „Akademischen Personalentwicklung an Hochschulen in Thüringen“, die Wissenschaftlern Möglichkeiten bietet, sich weiterzuentwickeln, beraten oder coachen zu lassen – ob in der Hochschuldidaktik oder was Schlüsselkompetenzen angeht.

Und wie sieht es mit dem nichtwissenschaftlichen Personal aus – gibt‘s hier auch eine Art Karriereförderung?
Auch das soll natürlich berücksichtigt werden. Wir haben uns für ein integriertes Personalentwicklungskonzept entschieden. Das heißt, es hat drei Teile und bedenkt alle, die hier an unserer Uni arbeiten: die professoralen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Career Track, den akademischen Nachwuchs im Karriereprogramm für den Nachwuchs und das wissenschaftsunterstützende sowie nicht-wissenschaftliche Personal im dritten Teil. Die Universität Erfurt steht auch in diesem Bereich im Wettbewerb mit Hochschulen um qualifizierte Mitarbeiter. Und diese Wettbewerbssituation fällt mit weiteren Zukunftsanforderungen zusammen, zum einen durch die Weiterentwicklung bzw. Ausdifferenzierung von Fachdisziplinen, zum anderen aber auch durch externe Faktoren wie die zunehmende Internationalisierung, die Einführung neuer Studiengänge, den Einsatz neuer Medien, die Reorganisation zentraler und dezentraler Verwaltungsstrukturen sowie die demografische Entwicklung. Mit diesem Wandel ist vor allem das nichtwissenschaftliche und wissenschaftsunterstützende Personal im Verwaltungsbereich konfrontiert. Die daraus erwachsenden fachlichen und persönlichen Anforderungen verlangen eine noch weiter gehende Modernisierung und Professionalisierung des Hochschul- und Wissenschaftsmanagements. Deswegen haben wir uns  ausdrücklich das Ziel gesetzt, im Zusammenspiel von wissenschaftsunterstützenden Serviceleistungen und Wissenschaft die Professionalisierung strukturell zu untersetzen. Das Konzept für diesen Bereich wird in den nächsten Monaten ausgearbeitet. Wir haben dem Senat im Mai  einen Planungsansatz vorgestellt – darauf soll nun die weitere gemeinsame Arbeit aufbauen. Unser Ziel ist es, zum Ende des Jahres auch diesen dritten Teil unseres Karrierekonzepts vorliegen zu haben. Dann hätten wir einen großen Schritt für die Zukunft unserer Universität getan.

Über Details zum Karrierekonzept der Universität Erfurt informieren wir Sie auf unserer Website unter: www.uni-erfurt.de/forschung/karrierewege. Für weitere Fragen steht der Stabsbereich ProUni – Forschung und Nachwuchsförderung gern zur Verfügung (E-Mail: katharina.held@uni-erfurt.de).