Filmpremiere: „Die Kartenmacher aus Gotha“

Mehr als 25 Jahre nach den ersten Dreharbeiten feiert diesen Sonntag, 19. März, der Dokumentarfilm „Die Kartenmacher aus Gotha“ in Gotha Weltpremiere. Der Film des deutsch-niederländischen Filmteams Otto Schuurman und Joachim Jäger erzählt die wechselvolle Geschichte des einst weltweit bekannten Kartografie-Verlages Justus Perthes Gotha, dessen Archiv als Sammlung Perthes 2004 in die Forschungsbibliothek Gotha und damit in die Sammlungen der Universität Erfurt eingegangen ist. WortMelder wirft einen Blick auf die Entstehungsgeschichte des Filmprojektes:


Zeitzeugen der Kartografie – ein deutsch-niederländisches Filmteam porträtiert die „Kartenmacher aus Gotha“

„Ich tilge die deutsch-deutsche Grenze – und es ist mir ein Vergnügen!“ Mit einem Lächeln auf den Lippen kratzt Renate Kerkmann routiniert eine dünne Grenzlinie auf der vor ihr liegenden Kunststofffolie weg. Es ist ein sehr programmatischer Satz, den die Kartografin des VEB Hermann Haack 1990 da in die Kamera sagt. Er bringt nicht nur den Aktualitätsanspruch und damit die tägliche Arbeit von Kartografen zum Ausdruck, sondern auch ein geschichtliches Ereignis, von dem sie und ihre Kollegen im Gothaer Kartenverlag unmittelbar betroffen sind: der Fall der Mauer, das Ende der DDR, die Wiedervereinigung. Die Länder, die sie zuvor täglich auf Schulwandkarten und Atlanten abbildete, aber nie frei bereisen konnte, stehen ihr und allen anderen DDR-Bürgern plötzlich offen. Einerseits. Andererseits bedeutet das Ende der DDR auch das Ende der Planwirtschaft und damit das Aus vieler ostdeutscher Betriebe. Auch vor dem VEB Hermann Haack, ehemals Verlag Justus Perthes Gotha, und seinen Mitarbeitern liegt nun eine ungewisse Zukunft: Kann der Verlag reprivatisiert und wieder von Stephan Justus Perthes, Nachfahre der Perthes-Familie in siebter Generation, übernommen werden? Arbeitet er wirtschaftlich genug, um in einer freien Marktwirtschaft weiter bestehen zu können? Diese Fragen müssen sich Stephan Perthes und Verlagsmitarbeiter wie Renate Kerkmann in einer Zeit tiefgreifender Umwälzungen stellen. Ihre Suche nach Antworten dokumentiert der Film „Die Kartenmacher aus Gotha“ des niederländischen Filmteams Joachim Jäger und Otto Schuurman. Die Filmemacher verweben darin die 200-jährige Geschichte des Verlages Justus Perthes Gotha, die Geschichte und Bedeutung der Kartografie sowie die Nachwende-Ereignisse zu einem vielschichtigen Dokumentarfilm, dessen Geschichte – wie so oft – mit einem Zufall beginnt. Kartenmacher

Es ist Sommer im Jahr 1990, der Mauerfall ist noch jung. Auf der Rückfahrt von Dreharbeiten in Dresden passiert der niederländische Filmemacher und Filmdozent Otto Schuurman auch das thüringische Gotha – „ein staubiges, etwas verfallenes Städtchen, nichtsdestotrotz mit Schönheit“, so sein erster Eindruck. Noch weiß er nicht, dass hier ein filmisches Abenteuer beginnt, das ihn noch lange begleiten wird. „Durch die Stadt herumirrend, kam ich an einem Gebäude vorbei mit der Aufschrift ‚Hermann Haack VEB Kartographisch-Geographische Anstalt’. Sofort dachte ich an den Atlas, den ich einige Zeit vorher bei einem guten Freund gesehen hatte. Ich klingelte kurzerhand, um zu fragen, ob ich hier so einen schönen Atlas kaufen könnte. So traf ich Winfried Kleeberg“, erinnert sich Schuurman. Kleeberg, leitender Mitarbeiter des VEB Hermann Haack, führt den Kartenliebhaber durch die Räume und Archive und erzählt ihm von der Situation im Verlag. Sofort erkennt Schuurman: Diese Geschichte muss erzählt werden. Nur einige Wochen später hat er „ein bisschen Geld zusammengekratzt“, um mit seinem Drehteam nach Gotha zurückzukehren. Mit dabei ist sein deutscher Filmschüler Joachim Jäger, der ihn bei dem Projekt von Anfang an unterstützt. „Es begann eine faszinierende Zeit für mich, in der ich viele interessante Menschen getroffen und deren Geschichte kennengelernt habe. Ich empfinde dadurch noch heute eine gewisse Verbindung zu ihnen – hilfreich war dabei natürlich, dass auch ich nicht als ‚Wessi‘, sondern als Niederländer angesehen wurde“, lacht Jäger. 20 Rollen Filmmaterial drehen er und Schuurman in den Jahren 1990 und 1992 zunächst. Es zeigt, wie Stephan Perthes um die Rückgabe des ehemaligen Eigentums kämpft, wie die Zahl der Angestellten im Zuge der Umstrukturierungen kontinuierlich schrumpft, wie die verbleibenden Mitarbeiter die Stellung halten, hoffen und bangen. Die Aufnahmen wurden entwickelt, das Szenario geschrieben. „Und dann war da ein Film, den keiner wollte – zumindest noch nicht“, erzählt Joachim Jäger. Die Aufnahmen wandern erst einmal „in den Kühlschrank“ – bis Dr. Petra Weigel 2008 wissenschaftliche Referentin der Sammlung Perthes wird. „Schon zu Beginn meiner Tätigkeit in Gotha wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass es diese Filmaufnahmen gibt“, erinnert sie sich. „Aber es gab eine Menge anderer Aufgaben für mich damals, im Hinterkopf hatte ich es aber trotzdem immer.“ Zeitgleich fragte sich auch Stephan Perthes, Protagonist der Filmaufnahmen der Wendezeit, was eigentlich aus den damaligen Filmaufnahmen geworden ist. Den Kontakt zu Schuurman und Jäger hatte er noch und so begann er, zwischen der Forschungsbibliothek Gotha und den Filmemachern zu vermitteln und das Projekt wieder anzustoßen. Für die „Gothaer Kartenwochen“ schnitten Jäger und Schuurman zunächst das Rohmaterial erneut für eine einstündige Vorführung zusammen. „2012 folgte eine sehr bewegende Vorführung“, erinnert sich Petra Weigel. „Und das bestärkte uns schließlich noch einmal in der Idee, das Material für eine Geschichte über den Perthes-Verlag zu nutzen.“ Anhand der Sammlungsbestandteile, die Weigel und ihr Team den Filmemachern vorstellte, erarbeiteten Schuurman und Jäger ein neues Filmkonzept. „Uns war dabei völlig klar, dass es ein anderer Film werden muss als in den 1990ern“, so Jäger. Es folgte eine intensive Zusammenarbeit mit Heinz Peter Brogiato vom Leipziger Leibniz-Institut für Länderkunde, mit dem das Filmteam bereits seit Anfang der 1990er-Jahre im fachlichen Austausch stand, und dem Team der Sammlung Perthes der Forschungsbibliothek Gotha: Material wurde immer wieder gesichtet und ausgesucht, Hintergrund- und Fachgespräche wurden geführt, Interviews aufgenommen, Filmaufnahmen gemacht. Ein richtiges Gemeinschaftsprojekt entstand: „Dabei haben wir nicht nur mit Heinz Peter Brogiato und Petra Weigel, die im Film selbst vorkommen, eng zusammengearbeitet. Das ganze Gothaer Team der Sammlung Perthes hat uns hinter den Kulissen wahnsinnig gut unterstützt. Dafür sind wir wirklich dankbar – genau wie Stephan Perthes, ohne den das Projekt finanziell nicht möglich gewesen wäre, der sich aber inhaltlich nie einmischte, und wenn, dann um uns zu motivieren.“

Neben ihrer Arbeit in der Gothaer Sammlung nahmen die Filmemacher auch den Kontakt mit den anderen Protagonisten ihrer Befragungen aus der Wendezeit wieder auf, die – wie Stephan Perthes auch – nun mit genügend Abstand auf die damaligen Ereignisse zurückblicken können. Für Schuurman und Jäger wird es wieder eine beeindruckende Reise: „Die ‚Haackianer’ und auch ihre Familien haben mit viel Eifer an dem Projekt mitgearbeitet und, so glaube ich, viel Herzblut hineingesteckt. Wir haben tiefgehende Gespräche mit ihnen geführt, die uns manchmal auch nicht so schnell wieder losgelassen haben. Wenn Renate Kerkmann uns mehr als  20 Jahre nach den ersten Interviews immer noch sagt, wie schön es ist, wenn der Zug hinter Eisenach einfach weiterfährt, dann ist das sehr berührend. Uns war es wichtig, diese Emotionen der ‚Haackianer’, ihre Gedanken und Meinungen mit gebührendem Respekt zu behandeln. Ich hoffe, das ist uns auch gelungen.“ Dass die Ereignisse der Wendezeit nun mit der Geschichte des Justus Perthes Verlages und der Bedeutung der Kartografie verwoben wurde, ist ein gelungenes Konzept. Die Filmemacher wissen aber, dass einige der Interviewpartner sich wünschten, das Schicksal des Gothaer Verlages und damit ihr eigenes würde im Film noch stärkere Beachtung finden. Joachim Jäger kann das nachempfinden, schließlich sei das ihr Leben gewesen und der Verlag eine Sache, um die sie mitkämpften, auch wenn im Film nun Stephan Perthes im Vordergrund steht. Dennoch sind all ihre Erinnerungen und Erlebnisse festgehalten auf Band, Papier oder Filmrolle und werden als solche nicht in irgendeinem staubigen Keller in Vergessenheit geraten. Denn Joachim Jägers und Otto Schuurmans gesamtes Material – Gesprächsprotokolle, Filmaufnahmen, Recherche- und Rohmaterial – geht nun gemeinsam mit dem fertigen Film in die Sammlung Perthes der Universität Erfurt ein und wird als umfassendes Zeitzeugnis-Portfolio der Forschung zur Verfügung gestellt. Ein besonderes Anliegen der Filmemacher und für sie, die sich in ihrem bisherigen Werk nicht auf lukrative, sondern auf informative und edukative Projekte spezialisiert haben, die einzig richtige Verfahrensweise. „Ich kann mir gut vorstellen, dass Wissenschaftler irgendwann wieder das Material sichten und vielleicht zu ganz neuen Rekonstruktionen kommen“, hofft Jäger.

Dem stimmt auch Petra Weigel zu. Denn für die Universität Erfurt und ihre Sammlung Perthes sind der Film und die darum herum entstandenen Dokumente ein weiterer wichtiger Sammlungsbaustein: „Das ist ganz wertvolles dokumentarisches Material, das wir damit für die Ergänzung der Sammlung Perthes gewonnen haben.“ Diese ist vor allem schriftbasiert, enthält nur ganz wenige audiovisuelle Dokumente. Doch gerade jetzt, so Weigel, bestünde ja noch die Gelegenheit, genau solche Zeitzeugen-Interviews zu führen. Das Rohmaterial der Filmemacher aus den 1990er-Jahren macht dabei einen ganz wichtigen Anfang. „Und das war eines der wesentlichen Gründe, warum die Forschungsbibliothek Gotha, die Kulturstiftung der Länder und auch Stephan Perthes dieses Projekt gefördert haben: weil es sich um eine Langzeitdokumentation handelt, die einen hohen historischen Wert für die Geschichte der Sammlung Perthes, für die Geschichte des Verlags und letztlich auch für die Kartografie, das deutsche Verlagswesen – und natürlich deren Erforscher hat.“

 

Weitere Informationen:
Pressemitteilung zur Filmpremiere

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