Vorgestellt: der Ethikbeirat an der Uni Erfurt

Wer bei einem Ethikbeirat in der Wissenschaft an medizinische Fakultäten, Tierversuche oder Auftragsforschung für das Militär denkt, der denkt zu kurz. Auch die Universität Erfurt als geisteswissenschaftliche Hochschule hat einen solchen Ethikbeirat. Denn auch Geistes- bzw. Kulturwissenschaften beschäftigen sich vorrangig mit dem Menschen – mit all seinen Lebensäußerungen und Tätigkeiten, mentalen und psychischen Strukturen und seiner Selbstreflexion. Damit haben solche Fragen eben häufig auch eine intensive ethische Relevanz.

Prof. Dr. Susanne Rau, Vizepräsidentin für Forschung und Nachwuchsförderung an der Universität Erfurt und in dieser Funktion Vorsitzende des Ethikbeirats der Hochschule, weiß: „Gerade in der internationalen Forschung kommt Ethikbeiräten eine immer wichtigere Rolle zu, ganz allgemein, wenn es um Forschung nicht nur am, sondern vor allem mit Menschen geht. Dies trifft an der Universität Erfurt dann durchaus verschiedene Bereiche von der Psychologie und Erziehungswissenschaft über die Fachrichtungen der Staatswissenschaft bis hin zur Kommunikationswissenschaft oder Linguistik. Darüber hinaus verlangen viele Zeitschriften und Drittmittelgeber inzwischen ein Ethikgutachten.“

Jede empirische Studie, die Untersuchungen mit oder am Menschen macht, folgt grundsätzlich denselben ethischen Regeln. Wenn eine Studie beispielsweise untersucht, ob Eltern bereit sind, ihren Kindern leistungssteigernde Medikamente zu verabreichen, oder wie über Impfrisiken kommuniziert wird, wie Menschen über andere behinderte Menschen denken oder wie sich Sprache mit bestimmten Lerneinschränkungen entwickelt etc., ist es wichtig, die Forschungsergebnisse nicht über das Wohl der Teilnehmer der Studien zu stellen. Darin unterscheidet sich die geisteswissenschaftliche Forschung auch nicht von Forschungsprojekten in den Lebenswissenschaften oder medizinischen Experimenten. Damit die Regeln und Prinzipien eingehalten werden und dies auch gut kommuniziert werden kann, braucht es einen Ethikbeirat. Und so ist auch der Ethikbeirat an der Universität Erfurt ein viel beschäftigtes Gremium, wenn es um die notwendige ethische Begleitung sozial- und kulturwissenschaftlicher Forschung geht. Zwar benötigt nicht jede Studie das Gutachten des Beirats, dennoch finden hier regelmäßig Sitzungen statt. Und vor dem Hintergrund, dass viele Wissenschaftler der Uni Erfurt empirisch forschen, wird der Bedarf an der Begleitung durch den Ethikbeirat in Zukunft sicher noch steigen. Aber was sind nun konkrete Aufgaben des Beirats? Ein Beispiel aus der Vergangenheit: eine Interview-Studie mit Frauen in einer Krisenregion, bei der es nicht nur um die Frage der Sicherung ethischer Fragen bei den Befragten ging, sondern auch darum, zu argumentieren, inwieweit man dem Forscher eine solche, selbst psychisch belastende Studie auch zumuten darf und ob auch genügend Schutzmaßnahmen für die Forschenden selbst angedacht sind, sollte es zum Konflikt kommen.

Laut Geschäftsordnung besteht der Ethikbeirat aus dem Vorsitzenden sowie mindestens fünf weiteren Mitgliedern, die von den Fakultäten und dem Max-Weber-Kolleg vorgeschlagen und vom Präsidium für drei Jahre bestellt werden. Die Mitglieder bilden dabei die Forschungslandschaft der Universität in ihrer gesamten Breite ab. „Zur Mitwirkung im Ethikbeirat bedarf es einer kritischen ethischen Kompetenz“, sagt Prof. Dr. Josef Römelt, neben Prof. Dr. Susanne Rau, PD Dr. Cornelia Betsch, Prof. Dr. Sven Jöckel, Prof. Dr. Guido Mehlkop und Prof. Dr. Dietmar Mieth im aktuellen Ethikbeirat vertreten. Hilfreich seien auch Erfahrungen in der Anlage von Forschungsprojekten, sowohl empirisch als auch kulturwissenschaftlich. Und Professor Jöckel ergänzt: „Hilfreich ist es sicher überdies, selbst aktiv sozialwissenschaftlich zu forschen, oder selbst schon mal ein solches Verfahren durchlaufen zu haben. Ansonsten ist neben einem grundlegenden Verständnis der rechtlichen Zusammenhänge auch ein Verständnis für die Risiken von Forschung hilfreich.“

Was sich die Mitglieder für die Zukunft des Gremiums wünschen? Wenig Arbeit? „Nein, der Bedarf an Begleitung durch den Ethikbeirat bemisst sich an der Kreativität der Forschung auf dem Campus. Insofern ist ja zu wünschen, dass der Ethikbeirat hier ein lebendiger Bestandteil verantwortlicher und qualitativ anspruchsvoller Forschung an unserer Universität ist“, erläutert Professor Römelt. Und Sven Jöckel ergänz: „Denn ein gut beschäftigter Ethikbeirat ist ein Zeichnen für eine aktive Forschungsgemeinschaft, die sich mutig gesellschaftlich relevanten Fragestellungen widmet.“

 

Weitere Informationen / Kontakt:
https://www.uni-erfurt.de/stabsstelle-forschung/ethikbeirat/

Handreichung für Anträge:

https://www.uni-erfurt.de/fileadmin/user-docs/stabsstelle-forschung/Ausschuesse_und_Gremien/Handreichung_fuer_Antraege_an_den_Ethikbeirat.pdf