Nachgefragt: „Wie wurde ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘ zum ‚Hit‘, Herr Prof. Kranemann?“

Es ist das weltbekannteste Weihnachtslied, rund um den Globus wird es in der Adventszeit gesungen und gehört: Stille Nacht, heilige Nacht. Seinen Ursprung hat das Lied in Österreich, wo es heute als Immaterielles Kulturgut der UNESCO anerkannt ist. Während die Melodie erst 1818 komponiert wurde, bestand der eingehende Text bereits seit 1816 als Gedicht. Er wird noch heute abgesehen von der Unterschlagung einiger Strophen kaum verändert vorgetragen. Doch was ist seine Botschaft und wie hat es sich von Österreich aus verbreitet? WortMelder hat bei Prof. Kranemann, Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät Erfurt, nachgefragt: „Wie wurde ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘ zum ‚Hit‘, Herr Prof. Kranemann?“.

„Ein Weihnachtsfest, zu dem ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘ nicht erklingt, ist weltweit und nicht nur in Deutschland kaum vorstellbar. Vor 200 Jahren wurde der Text in Österreich verfasst. Bis heute steht das Lied wie kaum ein anderes für die Stimmung des Weihnachtsfestes. Doch an ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘ scheiden sich die Gemüter. Nicht von ungefähr taucht es erst spät in kirchlichen Gesangbüchern auf. Joseph Mohr (1792–1848) war Koadjutor in Mariapfarr im Bezirk Lungau, heutiges Bundesland Salzburg, als er 1816 das Gedicht verfasste. Zwei Jahre später komponierte Franz Gruber (1787–1863), ein Lehrer und Organist, eine Gitarrenbegleitung. Weihnachten 1818 soll im Örtchen Oberndorf bei Salzburg das Lied erstmals gesungen worden sein, und zwar nach der Christmette vor der Krippe. Viel mehr als dieses Lied ist von beiden nicht bekannt, wobei ihre Verfasserschaft bald vergessen war.

Von diesem Weihnachtslied haben sich verschiedene Fassungen erhalten. Eine, die aus den 1820er-Jahren stammt, umfasst sechs Strophen. Das Lied besingt das Weihnachtsereignis in so einfacher Weise und mit einer so einprägsamen Melodie, dass der Erfolg des Liedes rasch plausibel wird. Zwei Strophen, die vom Ereignis in Bethlehem erzählen, bilden den Rahmen. Da ist vom ‚trauten heiligen Paar‘ die Rede, vom ‚holden Knab‘ im lockigen Haar‘, von Hirten und vom Engel, der das ‚Hallelujah!‘ singt. Biblisch ist das im Detail so nicht überliefert, vielmehr malt Mohr die insgesamt eher zurückhaltende Darstellung des Lukasevangeliums weiter aus. Wird in der ersten Strophe dem Kind durch die Sänger zweimal ‚Schlafe in himmlischer Ruh!‘ zugerufen, so mündet das Ende des Liedes in den zweifachen Ruf ‚Jesus der Retter ist da!‘ In den übrigen Strophen werden Rettung und Gnadengabe, die sich mit diesem Kind verbinden, besungen. Man hört von der ‚väterlichen Liebe‘ und vom ‚Bruder‘, als der Jesus die Völker der Welt ‚umschloß‘. Das Ereignis im Stall von Bethlehem wird mit dem Alten Testament verbunden, ‚als der Herr vom Grimme befreit, / In der Väter urgrauer Zeit / Aller Welt Schonung verhieß!‘. ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘ entsteht in der Aufklärung des Josephinismus und ist in seiner Theologie durch diese Zeit und ihre politischen Veränderungen geprägt, so wenn beispielsweise das die Völker Umgreifende des Festes, die Hoffnung auf Frieden, besungen wird. Das Lied will über das Geschehen von Weihnachten belehren, will aber auch erbauen: ‚Alles schläft, einsam wacht‘. Und es nimmt schließlich die Sänger, die beim ‚heiligen Paar‘ stehen und die in den Lobpreis auf Jesus einstimmen, in das Geschehen hinein.

Interessant ist die Erfolgsgeschichte des Liedes. Von der Salzach kam es nach Tirol. Händler aus Tirol, die auch als Volkssänger auftraten, haben das Lied mit nach Leipzig genommen und es dort bei Auftritten vorgesungen. Offensichtlich begeisterten ‚Volkslieder‘ die Großstädter besonders. Ein Leipziger Lehrer, ein Katholik, soll auf das Lied aufmerksam geworden sein. 1831 sang man ‚Heilige Nacht‘ im katholischen Weihnachtsgottesdienst. Dieser fand in Ermangelung anderer Gottesdiensträume – Leipzig war eine durch und durch evangelische Stadt – in der Hofkapelle der Pleißenburg statt. Das Lied erklang ein Jahr später in einem Leipziger Hotel während einer Weihnachtsfeier – und begeisterte die Zuhörer. 1833 wurde es in Dresden gedruckt. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen soll von dem Lied so angetan gewesen sein, dass er es im Berliner Dom singen ließ. Spätestens jetzt handelte es sich um ein Weihnachtslied, das die Konfessionen vereinte. Der Leipziger Thomaskantor Gustav Schreck (1849–1918) komponierte die bis heute bekannte Chorfassung. Es handelt sich um ein interessantes Phänomen: Ein Lied aus einfachen, katholisch geprägten ländlichen Verhältnissen wird in einer evangelisch dominierten Großstadt rezipiert und startet dort eine weltweite Karriere. Das Lied ist heute in der österreichischen Liste des Immateriellen Kulturerbes verzeichnet, eine Aufnahme in das Weltkulturerbe ist beantragt worden.

An diesem Lied entzündet sich immer wieder Kritik. Für manchen ist es der Inbegriff von Kitsch – sprachlich, musikalisch und auch religiös. Seine romantische Süßlichkeit passt sich gut in die Karriere des Liedes ein: aus der vorgeblich ländlichen Idylle in die Welt der Großstadt. Andere verweisen auf die Welt der Utopie, die hier entworfen werde und die genau dem entspreche, was von vielen gerade in der Weihnachtszeit gesucht werde. Sie plädieren dafür, das Bedürfnis nach romantischer Stimmung, das hier aufscheine, ernst zu nehmen. Wie auch immer, es bleibt eine abstrakte Diskussion, denn das Lied von der Salzach ist offensichtlich unverzichtbar für das Weihnachtsfest.“

Abb.: Autograph IV von Franz Xaver Gruber. Keltenmuseum Hallein, Stille-Nacht-Archiv. Vom 12. Dez. 1836; unter dem Titel: „II. Geistliche Lieder / auf die heilige / Christnacht.“ (Nr.2); Es-Dur, 6/8-Takt, vier Singstimmen, zwei Violinen, Viola, Flöte, Fagott, zwei Klarinetten, zwei Waldhörner, Violone und Orgel; sechs Strophen; Stille-Nacht-Archiv, Hallein (© Stille-Nacht-Gesellschaft)

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