Das Elektronische Publizieren

Schnell, einfach, global verfügbar – das Elektronische Publizieren an der Uni Erfurt

Als der Gründungsdirektor der Universität Erfurt Peter Glotz in den 1990er-Jahren eine Reformuniversität anstrebte, stand auch ein technisches Thema ganz oben auf seiner Tagesordnung: das Elektronische Publizieren. Glotz sorgte dafür, dass diese Art der Verbreitung wissenschaftlicher Ergebnisse bereits früh in der Geschichte der neuen Universität Erfurt ernst genommen und angeschoben wurde. Mit ganz einfachen Mitteln wurde begonnen, erste Arbeiten ins Internet zu stellen – zunächst ohne geeignete Infrastruktur, die eine Langlebigkeit und Langzeitarchivierung der Dokumente garantieren konnte. Seitdem hat sich viel verändert: Es gab Initiativen von anderen Hochschulen und der Deutschen Forschungsgemeinschaft, technische Weiterentwicklungen und neue Programme zur Datenverwaltung, sagt Ute Winter. Die Mitarbeiterin der Universitätsbibliothek Erfurt gehörte schon zu Glotz‘ Team und begleitet das Thema seither an der Uni Erfurt. Nach nun fast 20 Jahren hat sie dieses Aufgabenfeld an die nächste Generation abgegeben – „in gute Hände“ betont sie, ihre Begeisterung für das Thema aber wird bleiben.

Und diese Begeisterung merkt man ihr sofort an, vor allem wenn das Thema Elektronisches Publizieren im Sinne von Open Access zur Sprache kommt – wenn das publizierte Werk also auch der Allgemeinheit frei zugänglich ist. Denn die Vorteile liegen für sie auf der Hand:

„Elektronisches Publizieren ist nicht nur schnell, einfach und kostengünstig, sondern birgt auch das Potenzial, wissenschaftliche Inhalte für jedermann von überall aus langfristig verfügbar zu machen.“

Realisiert wird das durch das richtige Dateiformat, das mitunter durch einen einzigen Klick kreiert werden kann, und die nötige technische Infrastruktur. Diese stellt die Digitale Bibliothek Thüringen an der Friedrich-Schiller-Universität Jena bereit, mit der die Universität Erfurt bereits früh die Kooperation suchte. Die Uni Erfurt selbst betreibt mit dem Electronic Text Center (ETC) eine Beratungsstelle, die sich auch um die technische Aufbereitung der Inhalte kümmert und Workshops zum Thema Elektronisches Publizieren anbietet. Während Promovierende diesen Service  bereits für sich entdeckt haben, sind die Reaktionen von Professorinnen und Professoren jedoch noch eher verhalten – zu Unrecht, findet Ute Winter, denn:

„Hier können Wissenschaftler die Möglichkeit wahrnehmen, ihre Arbeiten ohne die von einem Verlag
geforderten Kürzungen und Änderungen zu veröffentlichen oder beispielsweise Anhänge und multimediale Elemente zu erschienenen Printpublikationen bereitzustellen.“

Letzteres nutzte auch Susanne Rau, Vizepräsidentin für Forschung und Nachwuchsförderung sowie Professorin für Geschichte und Kulturen der Räume in der Neuzeit an der Universität Erfurt: „Ich selbst habe bereits eine Reihe von Arbeiten online publiziert. Angefangen mit einer Ringvorlesung, die 2010 an der Universität stattfand. Die Zugriffszahlen auf die einzelnen Aufsätze zeigen, dass diese häufiger konsultiert wurden, als dies bei einem gedruckten Sammelband, der zudem noch viel Geld gekostet hätte, der Fall gewesen wäre. Ferner habe ich die wichtigsten Forschungsdaten (164 A4-Seiten) zu einer wissenschaftliche Monografie online publiziert, die in einem Buch sicherlich nicht jeden einzelnen Leser interessieren würden, auf digitalem Weg aber einzelnen Spezialisten zur Verfügung stehen und sogar direkt nutzbar sind, da das PDF leicht in eine Excel-Tabelle rekonvertiert werden kann“, erzählt Rau, die kürzlich auch für ihr Buch „Räume. Konzepte, Wahrnehmungen, Nutzungen“ wieder einige Anhänge ins Netz gestellt hat, darunter eine Quellensammlung, die viele großformatige, farbige Karten enthält, die sich so viel besser betrachten lassen als im Buch, wo sie nur kleinformatig und in schwarz/weiß abgedruckt worden wären. Als Forscherin weiß sie natürlich auch um die Nachteile des elektronischen Publizierens: „In der Regel können die Werke hier keinen peer-review-Prozess durchlaufen, was insbesondere für jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im internationalen Wettbewerb wichtig wäre. Hier wird man in naher Zukunft noch über Auswege aus dem Dilemma nachdenken müssen. Und was viele außerdem als Nachteil ansehen: Man kann sich kein Buch ins eigene Bücherregal stellen.“ Dennoch kann die Wissenschaftlerin aus eigener Erfahrung sagen: „Für bestimmte Zwecke kann ich zu dieser Publikationsform nur ermuntern. Open Access ist eine wunderbare Möglichkeit, Forschungsergebnisse im Internet sichtbar und frei zugänglich zu machen. Der Forschungsausschuss der Uni Erfurt hat dazu ein Merkblatt erarbeitet, das verschiedene Möglichkeiten vorstellt und Empfehlungen gibt.“

Dass das Angebot des ETC zurzeit noch zögerlich angenommen wird, dafür hat auch Ute Winter eine Erklärung: „Es gibt natürlich die rechtliche Aspekte, die geprüft werden müssen, wenn die Arbeit oder das Werk auch bei einer Fachzeitschrift oder einem Verlag veröffentlicht werden soll. Das kann man aber meist klären, eine Sperrfrist vereinbaren und im Idealfall sogar schon bei Vertragsabschluss die Bedingungen festlegen. Das eine schließt also das andere nicht aus. Aber davon einmal abgesehen, ist im Allgemeinen gerade unter Geisteswissenschaftlern das Renommee von elektronischen Publikationen insgesamt noch eher gering“, weiß Winter. „Sie möchten vor allem in einschlägigen Magazinen ihres Fachgebiets veröffentlichen.“

Dabei handelt es sich bei der Digitalen Bibliothek Thüringen keineswegs um einen „Gemischtwarenladen“, betont Ute Winter: Schließlich seien in einer Bibliothek immer unterschiedliche Themenbereiche, Medien und Formate versammelt und durch Kategorien einem Bereich zugeordnet. Genauso funktioniert dies für die elektronisch publizierten Werke – nur dass die Forscher, die sich aus Recherchezwecken für dieses Werk interessieren, eben nicht mehr in eine Bibliothek selbst gehen müssen, sondern von überall her darauf zugreifen können, sofern der Autor den „Open Access“ erlaubt. „Und für die wissenschaftliche Community und die Forschung allgemein gibt es weitere interessante Vorteile“, sagt Ute Winter. „Anders als Werke, die einfach auf die Uni-Website gestellt werden, sind die Inhalte dauerhaft für Suchmaschinen auffindbar, auch wenn der Wissenschaftler die Hochschule wechselt. Zudem bietet die Volltextsuche neue Instrumente der Recherche und Textbearbeitung, da nicht nur Metadaten, Titel und Autor nach Stichworten durchsucht werden, sondern auch der gesamte Inhalt.“ Und:

„Es gibt eine hilfreiche Kommentarfunktion beim Elektronischen Publizieren: Andere Wissenschaftler können für den Autor Kommentare an Textstellen hinterlegen und diese Kommentare können wiederum kommentiert werden. Insgesamt könnte dadurch und durch die globale Verfügbarkeit von Inhalten die Forschung schneller vorangetrieben werden.“

All diese Vorteile haben Ute Winter und das Team des Electronic Text Centers längst zu ambitionierten Verfechtern des Elektronischen Publizierens und des Open Access-Gedankens, der darüber schwebt, gemacht. Gemeinsam mit Susanne Rau denken sie nun darüber nach, wie noch bestehende Probleme gelöst werden könnten, damit mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die vorhandenen Strukturen auch wirklich nutzen. Wissenschaftliche Werke sind bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Universitätsbibliothek – als Experten für internationale Standards bei der Erstellung von Metadaten, suchmaschinen- und datenaustausch-optimierten Angaben – jedenfalls gut aufgehoben. Und wer jetzt immer noch Vorbehalte hat, dem zeigt Winter, wie einfach der Weg zum Open Access ist:

Um den Rest kümmern sich die Mitarbeiterinnen des ETC. Alles, was ein Wissenschaftler dann noch tun muss, ist, den Link zu seiner Publikation zu verbreiten. Ein überschaubarer Aufwand. Und jeder, der selbst schon einmal froh war, schnell und unkompliziert auf eine Quelle im Internet zugreifen zu können, kann auf diesem Weg etwas zurückgeben.


Kurzinfo Elektronisches Publizieren:

Wer? Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Erfurt, Studierende auf Empfehlung einer Professorin oder eines Professors

Was? wissenschaftliche Arbeiten, Projektabschlussberichte, Aufsätze, Ringvorlesungen, Zeitschriften, Dissertationen, Habilitationen, Studienabschlussarbeiten auf Empfehlung eines Professors/einer Professorin, Bücher, Begleit- und Parallelpublikationen, Anhänge zu Printpublikationen, multimediale Arbeiten etc.

Bereitstellung über: Digitale Bibliothek Thüringen (www.db-thueringen.de)

Beratung/Realisierung: Electronic Text Center der Universität Erfurt (www.uni-erfurt.de/target)