Jascha Nemtsov

Nachgefragt: „War Johann Sebastian Bach ein Antisemit, Herr Prof. Nemtsov?“

Eine Ausstellung im Eisenacher Bachhaus unter dem Titel „Luther, Bach – und die Juden“ geht derzeit den antijüdischen Botschaften in der Kirchenmusik von Johann Sebastian Bach nach. „WortMelder“ hat bei Prof. Dr. Jascha Nemtsov, Mitglied der Forschergruppe „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ am Max-Weber-Kolleg der Uni Erfurt, nachgefragt: „War Bach ein Antisemit, Herr Prof. Nemtsov?“

„Wir können davon ausgehen, dass der Antisemitismus zu Bachs Zeiten eher die Regel als eine Ausnahme war. Antisemitische Anschauungen, die schon immer zum christlichen Weltbild gehörten, bekamen durch die lutherische Reformation zusätzliche Impulse.Die Frage, ob Bach ein Antisemit war, wäre daher ungefähr genauso spannend, wie die Frage, ob er im Alter geschnarcht hat, wenn man nicht vermuten würde, dass seine diesbezüglichen Ansichten irgendwie sein Werk beeinflusst haben könnten. Hinter dieser Frage verbirgt sich also eher eine andere: Können/dürfen wir Bachs Werke in der heutigen Zeit unvoreingenommen genießen?

Warum aber gerade Bach? Es geht dabei speziell um seine beiden erhaltenen Passionswerke – Johannes- und Matthäus-Passion. Seit mehreren Jahren wird darüber diskutiert, wie man heutzutage mit der Darstellung der Juden in diesen Werken umgehen soll. Prof. Dr. Johann Michael Schmidt widmete dieser Frage sein Buch ‚Die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach‘, in dem er zu dem Schluss kommt, dass ‚eine (unkommentierte) Aufführung nicht mehr möglich‘ sei. Seine Thesen wurden 2014 unter anderem bei der Tagung ‚Antijudaismus bei Bach? Zur Aktualisierung protestantischer Kirchenmusiktradition‘ an der Evangelischen Akademie in Frankfurt thematisiert. Der bisherige Höhepunkt der Bemühungen, Bachs Werk vom Antisemitismus zu ‚reinigen‘, waren einige Aufführungen der Johannes-Passion (unter anderem im Berliner Dom 2012), in denen die Arien-Texte durch Gedichte von Celan, Lasker-Schüler oder Nietzsche sowie jüdische Gebete ersetzt wurden. Interessanterweise sind einige der Initiatoren dieses Projekts auch als anti-israelische Aktivisten bekannt. Sie wollen Israel als jüdischen Staat abschaffen, stören sich aber an der Judendarstellung bei Bach.

Die Ausstellung ‚Luther, Bach – und die Juden‘ im Bachhaus in Eisenach reiht sich in diese Diskussionen ein. Mir erscheint bereits der Titel völlig unangemessen. Während der Antisemitismus in Luthers Denken und seiner Theologie eine wichtige Rolle spielt, ist dieses Thema bei Bach eine absolute Marginalie. Anders als etwa bei Richard Wagner, dessen Judenhass ein Kernpunkt seiner Kunstideologie und ein prägender Faktor seiner Musikwerke war, spielten Bachs wahrscheinliche antisemitische Anschauungen in seinem Schaffen nie eine Rolle. Seine beiden Passionswerke benutzen kanonische neutestamentarische Texte, die Judenchöre sind in der Tradition der ‚Judenturbae‘ geschrieben. In allen anderen Werken Bachs findet sich gar kein Bezug zum Judentum.

Es sind antisemitische Einstellungen von vielen großen Komponisten überliefert: Chopin, Schumann, Tschaikowsky, um nur einige zu nennen. Es ist für mich befremdlich zu beobachten, dass ausgerechnet Bach, dessen Musik von tiefstem Humanismus geprägt ist, in den letzten Jahren als Gegenstand einer Scheindebatte ausgesucht wurde. Solche Debatten sind Ausdruck eines in die Vergangenheit gerichteten Pseudo-Widerstands, einer ‚retroaktiven Zivilcourage‘, die die Gleichgültigkeit gegenüber den gegenwärtigen Formen des Antisemitismus kaschieren soll. In der Tat ist es auf alle Fälle viel weniger gefährlich, den konstruierten Antisemitismus von Bach zu bekämpfen, als den ganz realen heutigen Antisemiten und Feinden Israels entgegenzutreten.“