Kinogeschichte in mehr als 100.000 Dokumenten

Eine herausragende Sammlung zur Filmpublizistik in der früheren DDR hat jetzt ihre neue Heimat an der Universität Erfurt. Nach jahrelangen Verhandlungen ist es gelungen, einen geschlossenen Bestand an Filmwerbung zu übernehmen, der die seit ca. 1955 in den DDR-Kinos gezeigten Spielfilme fast vollständig abdeckt. Für mehr als 4.000 der vor dem Mauerfall auf dem Gebiet Ostdeutschlands vorgeführte Spielfilme liegt jeweils ein Konvolut aus Plakaten, einem vollständigen Satz an Aushangfotos und weiteren Werbeschriften vor.

Die insgesamt knapp 100.000 einzelnen Objekte sind bislang erst teilweise zugeordnet und sortiert. Es ist nun Aufgabe der Wissenschaftler und Bibliothekare an der Universität Erfurt, diesen umfassenden Bestand zu erschließen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Sammlung umfasst Material zu den DEFA-Produktionen, außerdem zu den vom staatlichen Filmverleih „Progress“ in den Kinos der DDR vorgeführten Spielfilmen auch aus dem östlichen und westlichen Ausland. „Dieser unglaubliche Schatz bildet in seiner Gesamtheit die Filmwelten in der DDR ab“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Patrick Rössler, der im Auftrag der Hochschule die Erwerbung koordiniert hat. Gemeinsam mit Studierenden verschiedener Studiengänge wird er den mehr als 200 Umzugskartons füllenden „Papierberg“ in den kommenden Semestern aufarbeiten – ein erstes Seminar ist eben gestartet. Ursprünglich stammen die Dokumente aus einer ehemaligen Niederlassung des Progress-Verleihs und sollten 1990, mit der Abwicklung des Unternehmens entsorgt werden. Erst in letzter Minute wurde dieser in seiner Konstellation und Vollständigkeit vielleicht einmalige Bestand, der wohl kein vergleichbares Pendant in öffentlichen Einrichtungen besitzt, vor der Vernichtung gerettet.

Dokumente zum Film in der DDR sind wichtige Materialien für die Erforschung der jüngeren deutschen Kulturgeschichte. In der Unibibliothek Erfurt und deren Vorläufer an der Pädagogischen Hochschule war es bereits vor 1999 gelungen, eine umfassende Forschungsbibliothek zum Thema Film aufzubauen, die die Grundlagen für Forschungen und Lehrveranstaltungen bereitstellt. Die national viel beachtete Ausstellung „Die Sprache des Stummfilms“ (2006), kuratiert von Prof. Rössler, hat das Thema bereits prominent auf dem Campus vertreten. Und im Jahr 2013 war es mit Unterstützung privater Sponsoren und der Thüringer Staatskanzlei gelungen, einen größeren Bestand an Filmpublizistik vornehmlich aus den 1950er-Jahren in der BRD aus einer süddeutschen Sammlung zu erwerben, aus der die Ausstellung „Die Bilder des Tonfilms“ (2014) entstand. „Nun haben wir auch das Material aus der DDR, um vergleichende Studien und Ausstellungen zum Film in beiden deutschen Staaten zu ermöglichen“, erklärt Rössler. „Denn zwischen 1946 und 1989 nahmen die Filmproduktion und der Filmvertrieb zunächst in der Sowjetischen Besatzungszone, später in der DDR eine andere Entwicklung als in der Bundesrepublik Deutschland. In unserem Projekt zu den deutsch-deutschen Filmwelten können wir nun die Entwicklungen anhand der damaligen Filmpublizistik gegenüberstellen.“

Die Filmbranche in der DDR unterlag den systemtypischen Einschränkungen, was nicht nur bedeutete, dass die eigene Szene in einer Mischung aus Kontrolle und staatlicher Förderung eng an den Zielen des sozialistischen Staates ausgerichtet war. Auch der Verleih ausländischer Filme – aus den sozialistischen Bruderstaaten, dem befreundeten Ausland, aber genauso ausgewählte westliche Produktionen aus den USA und der BRD – folgte den Vorgaben des SED-Regimes. Der Film in der Bundesrepublik, zunächst geprägt von den „Re-Education“-Maßnahmen der westlichen Alliierten, entwickelte sich nach den Gesetzen eines freien Marktes, der primär den breiten Publikumsgeschmack bediente. Diese gegenläufigen Entwicklungen stehen geradezu prototypisch für das jeweilige Verhältnis zwischen Politik und Kultur. Patrick Rössler: „An der Geschichte des Films in der DDR lassen sich wie in einem Brennglas die Konflikte um die Autonomie der Künste in einem repressiven System nachvollziehen.“

Die zeitgeschichtlich wertvolle Sammlung konnte durch die finanzielle Unterstützung von Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und Thüringer Staatskanzlei gesichert werden, die die Eigenmittel der Hochschule aufgestockt haben. Neben der Präsentation auf dem Campus soll gemeinsam mit Studierenden auch eine Wanderausstellung unter dem Arbeitstitel „Bilder unserer Lebenswelt – Film in der DDR“ konzipiert werden, die in verschiedenen Einrichtungen Thüringens kostenfrei gezeigt werden kann. Geplant sind außerdem Seminare und eine Ringvorlesung speziell zur Geschichte des Films und der Filmproduktion in Thüringen.

Weitere Informationen / Kontakt:
Prof. Dr. Patrick Rössler
Tel.: +49 361 737-4181
E-Mail: patrick.roessler@uni-erfurt.de

Quelle: Kinogeschichte in mehr als 100.000 Dokumenten