Nachgefragt: Interkulturalität und Internationalisierung als Wettbewerbsvorteil?

Internationalisierung gewinnt im Wettbewerb um Ressourcen und Köpfe an den Hochschulen zunehmend an Bedeutung. Nur ein Grund dafür, dass das Thema 2015 auch Eingang in die Ziel- und Leistungsvereinbarungen fand, die die Universität Erfurt für die kommenden Jahre mit dem Land Thüringen getroffen hat. Bereits im Vorfeld der Verhandlungen wurde deutlich, dass Internationalisierung ohne die Aspekte der Interkulturalität nicht gedacht werden kann – erst recht nicht an einer Hochschule, in der der Lehrerbildung eine solche Bedeutung zukommt wie an der Uni Erfurt. In unserem CAMPUS-Jahresheft 2015, das in Kürze erscheint, haben wir mit Prof. Dr. Heike Grimm, Vizepräsidentin für Internationales an der Uni Erfurt, über die Herausforderungen und Chancen gesprochen…

Frage: Frau Prof. Grimm, warum ist die Internationalisierung für Hochschulen so bedeutsam?
Prof. Grimm: Die Gründe für Internationalisierung sind allgemein bekannt. Aufgrund von beschleunigten Globalisierungsprozessen erhöht sich der Bedarf, in internationalen Zusammenhängen zu denken, in Deutschland vor allem auch im Hinblick auf spezifische Herausforderungen wie den demografischen Wandel. Globalisierte Arbeitsmärkte erfordern ein Umdenken hin zu mehr Internationalisierung an Hochschulen, um die Konkurrenzfähigkeit und interkulturellen Kompetenzen der Studierenden und des wissenschaftlichen Nachwuchses zu erhöhen. Internationalisierung ist auch ein wichtiges Instrument der Qualitätsentwicklung von Hochschulen, um im globalen Wettbewerb über hochwertige Angebote in Forschung und Lehre attraktiv zu bleiben. Es ist deshalb wichtig, eine Willkommenskultur zu etablieren, um exzellente Studierende, Nachwuchswissenschaftler und Mitarbeiter gewinnen zu können. Es geht aber nicht nur um Wettbewerb: Internationalisierung, Diversität und Interkulturalität zählen zu den wichtigsten Voraussetzungen für innovative Forschung und Lehre. Nur in einem Umfeld, das von Weltoffenheit und Toleranz geprägt ist, das den Austausch von Wissen jenseits kultureller Grenzen befördert und für selbstverständlich ansieht, können neue Ideen entstehen und Gestalt annehmen. Exzellente Wissenschaft braucht Diversität und Originalität als Quelle der Inspiration.

Frage: Was genau meint Internationalisierung hier eigentlich – die Erhöhung der Zahl ausländischer Studierender und derer, die Auslandssemester absolvieren? Mehr englischsprachige Seminare und Vorlesungen?
Prof. Grimm: Es stimmt, dass die Mobilität von Personen und die Anzahl von Veranstaltungen, die für ausländische Studierende angeboten werden, zu den augenscheinlich objektiven – da messbaren – Kennzahlen einer international orientierten Hochschule zählen. Internationalisierung geht jedoch weit darüber hinaus. Sie ist eine Querschnittsaufgabe, die auch an unserer Hochschule alle Bereiche durchdringt. Egal ob Verwaltung, Forschung, Lehre, Campus-Gestaltung oder die strategische Planung und Ausrichtung der Universität: Jedes Hochschulorgan und jede Fakultät ist von Internationalisierung betroffen und muss diese mittragen. Häufig sind die Ausgangspunkte dafür rein fachlich. Gemeinsame Interessen, Kontakte und daraus resultierende Partnerschaften zwischen Professoren und Studierenden verschiedener Länder legen den Grundstein für langfristige Kooperationen, von denen Hochschulen im In- und Ausland gleichermaßen profitieren. Die Indikatoren, nach denen wir unseren Internationalisierungsprozess bewerten, sind die Internationalität von Professoren, wissenschaftlichem Nachwuchs, Studierenden und Verwaltungspersonal. Darüber hinaus legen wir Wert auf internationale Forschungsvorhaben, Lehrangebote, Projekte und Kooperationen sowie internationale Berufsqualifizierung.

Frage: Welche Rolle spielen Internationalisierung und Interkulturalität an der Universität Erfurt speziell für den Bereich der Lehrerbildung?
Prof. Grimm: Die Hochschulrektorenkonferenz hat in ihren „Empfehlungen zur Lehrerbildung“ vom 14. Mai 2013 mit folgenden Argumenten der Forderung nach Internationalisierung und Interkulturalität der Lehrerbildung Nachdruck verliehen, denen ich mich anschließe: „Das Anforderungsprofil für Lehrerinnen und Lehrer zeichnet sich in zunehmendem Maße durch die Fähigkeit aus, mit heterogenen und durch kulturelle Vielfalt geprägten Lerngruppen pädagogisch erfolgreich umzugehen. Zudem ist die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler in zunehmendem Maße durch die Auflösung nationaler Bezugsgrößen gekennzeichnet. Ihrer Rolle als Multiplikatoren können Lehrerinnen und Lehrer nur gerecht werden, wenn sie selbst die hierfür unabdingbaren persönlichen interkulturellen Erfahrungen gemacht haben.“ Vor diesem Hintergrund erachten wir Initiativen zur Internationalisierung der Lehrerbildung als dringend notwendig. In den Master of Education-Studiengängen für die Grund- und Regelschule ist mit dem Komplexen Schulpraktikum ein einsemestriges Mobilitätsfenster für ein Auslands-Schulpraktikum geschaffen worden. Die Erfurt School of Education hat erste feste Partnerschaften mit ausländischen Schulen und Hochschulen aufgebaut, sie entwickelt und erprobt spezielle Betreuungsformate für die Studierenden. Zukünftige Lehrer auf die Mehrsprachigkeit in den Klassenzimmern vorzubereiten, ist eine sehr aktuelle Herausforderung. Neben Gesprächen mit dem Kultusministerium zur Einbindung dieses Themas in die Lehramtsstudiengänge, arbeiten Professorinnen und Professoren mit ihren Mitarbeitern bereits an konkreten Lehrangeboten, darunter ein Blockseminar „Deutsch als Zweitsprache“ für 25 Studierende, das Anfang nächsten Jahres erstmals angeboten wird.

Frage: Welche Erfolge kann die Uni Erfurt im Bereich der Internationalisierung bislang verzeichnen, wo sind noch „offene Baustellen“?
Prof. Grimm: Die Internationalität ist bei uns sichtbar und spürbar. Es wird Englisch gesprochen, internationale Tagungen werden durchgeführt, im Sommer finden internationale Summer Schools statt. Es gibt Studiengänge mit obligatorischem Auslandsaufenthalt. Ausländische Wissenschaftler forschen am Max-Weber-Kolleg, an den Fakultäten und am Forschungszentrum Gotha. Internationale Studierende und Wissenschaftler prägen den Campus – das war nicht immer so. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der internationalen Studierenden kontinuierlich gewachsen und hat sich von 200 im Wintersemester 2005/06 auf 457 im Wintersemester 2015/16 mehr als verdoppelt. Allein seit dem vergangenen Jahr gab es eine Steigerung um zehn Prozent. Dieser Zuwachs ist unter anderem der Attraktivität der neuen Bachelor-Studienrichtung Internationale Beziehungen zu verdanken. Deutschlandweit belegt die Universität Erfurt einen vorderen Platz bei der Zahl der internationalen Studierenden, die mit einem DAAD-Stipendium gefördert werden. Das zeugt vom guten Ruf einiger unserer Studienprogramme im Ausland wie z.B. dem Master of Public Policy. Besonders stolz sind wir auch auf unsere zahlreichen Programme zur Betreuung und Integration internationaler Studierender, darunter das Programm „Fremde werden Freunde“.
Aber auch das Interesse an einem Studienabschnitt im Ausland steigt kontinuierlich. Während wir früher mehr Auslandsangebote als Bewerber hatten, können wir jetzt die besten Studierenden für einen Auslandsaufenthalt auswählen. Das führt jedoch zu einer neuen Herausforderung: Wir müssen weitere Austauschprogramme etablieren, um der gestiegenen Nachfrage gerecht zu werden. Und damit komme ich auch schon zu einer „offenen Baustelle“. Austauschprogramme funktionieren auf lange Sicht nur, wenn sie auf Wechselseitigkeit basieren. Wir können aber nicht damit rechnen, dass an einem Austausch interessierte Studierende einer Partnerhochschule erst umfassend Deutsch lernen, bevor sie zu uns kommen. Sie sind auf Studienangebote in englischer Sprache angewiesen, von denen es an unserer Universität noch zu wenige gibt. Deshalb bekommen wir auch manchmal Absagen, wenn wir auf potenzielle Partner zugehen. Wir brauchen ein größeres Angebot an englischsprachigen Lehrveranstaltungen, um für Austauschpartner attraktiver zu werden.

Frage: Wo würden Sie die Uni Erfurt im Hinblick auf Internationalisierung/Interkulturalität in fünf Jahren gern sehen wollen?
Prof. Grimm: Fünf Jahre sind ein langer Zeitraum in einer Welt, die sich schnell und tiefgreifend verändert. Deshalb zögere ich, mögliche Veränderungen an dieser Stelle quantitativ zu bemessen, zumal Internationalisierung ja – wie oben erläutert – mehr ist als die Erhöhung ausgewählter Kennzahlen. Wenn sich in fünf Jahren eine mit Begeisterung getragene, breite Konsensfähigkeit herausbilden würde unter der Mehrzahl der Studierenden, Mitarbeiter aus Lehre, Wissenschaft und Verwaltung der Universität Erfurt, dass Internationalisierung nicht nur profilbildend, sondern essentiell für die Zukunfts- und Innovationsfähigkeit der Uni sind, würde ich mich freuen. Diese Konsensfähigkeit sollte sich natürlich in einer Steigerung internationaler Aktivitäten niederschlagen, die das Lehr- und Studienangebot an unserer Universität bereichern würden.