„OhneTon“: Studierende der Uni Erfurt machen sich für Gehörlose stark

Acht Studierende der Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt wollen sich im Sommersemester 2016 auf eine spannende „Reise“ begeben: Im Rahmen des gemeinsamen Bachelor-Projekts „OhneTon“, das von Prof. Dr. Constanze Rossmann (Professur für Soziale Kommunikation) begleitet wird, werden sie erforschen, wie verschiedene Arten der Tonsubsitution für Gehörlose (also Untertitel und Gebärdensprach-Einblendung) Spannung hervorrufen können. Am Beispiel der Unterhaltungsserie „Grimm“ wollen sie die Notwendigkeit für die Erweiterung des medialen Unterhaltungsangebotes für Gehörlose im deutschen Fernsehen aufzeigen. Ihre Zielgruppe: Menschen, die auf Gebärdensprache angewiesen sind, aber auch die Rundunkanstalten, die die Maßnahmen für Gehörlose verstärken sollen.

In Deutschland leben offiziell ca. 16 Millionen Schwerhörige, von denen ca. 140.000 Menschen mit einer Hörschädigung von mehr als 70% betroffen sind. Zur Gruppe der vollständig Gehörlosen werden ca. 80.000 Menschen in der Bundesrepublik gezählt, die dadurch nicht in der Lage sind, sich mittels Lautsprache zu verständigen. Somit sind sie im Alltag auf die Nutzung von Gebärdensprache angewiesen. Häufig wird davon ausgegangen, dass ein gehörloser Mensch in der Lage sein müsste, sich auf schriftsprachlicher Basis hervorragend verständigen zu können. Jedoch befinden sich die Schriftsprachkompetenzen eines Großteils der Gehörlosengemeinschaft auf einem alarmierend niedrigen Niveau. Da die uns bekannte Schriftsprache auf der Lautsprache basiert, fällt es Gehörlosen meist schwer, diese ausreichend zu erlernen. Außerdem besitzt die Deutsche Gebärdensprache ihre völlig eigene Grammatik, Syntax und Semantik.Für Hörende selbstverständliche Freizeitbeschäftigungen und Mediennutzung, wie beispielsweise die Rezeption von Filmen, können sich in der Gehörlosengemeinde zu einem schwierigen Unterfangen entwickeln – selten stehen Untertitel, so gut wie nie Gebärdensprach-Einblendungen zur Verfügung. Gleichzeitig gilt das Fernsehen als zentrales Informations- und Unterhaltungsmedium.

Um für alle Bevölkerungsgruppen ein gleichwertiges Unterhaltungserleben im Fernsehen zu ermöglichen, muss deshalb aus Sicht der Studierenden dieses Medienangebot erweitert werden. Interessant für sie ist dabei die Frage, ob die reine Untertitelung wie bisher praktiziert für ein gelungenes Unterhaltungserleben Gehörloser ausreicht. Dabei empfehlen sich für eine Untersuchung besonders die Angebote, für deren Wirkung akustische Reize von besonderer Bedeutung sind. Können bei diesen Gattungen durch geeignete Tonsubstitution auch Gehörlose gut unterhalten werden, ist davon auszugehen, dass auch für andere Genres die Unterhaltung bei der Rezeption durch Tonsubstitution gesteigert werden kann. Spannung ist eine wichtige Voraussetzung für gelungene Unterhaltung. Es kann davon ausgegangen werden, dass auch akustische Reize hierbei eine Schlüsselrolle spielen. Da diese bei der Zielgruppe wegfallen, soll in dieser Studie untersucht werden, inwiefern eine schriftliche Untertitelung oder die Verwendung einer qualitativ hochwertigen Verdolmetschung den Ton für ein gelungenes Spannungserleben adäquat substituieren kann.

Ihr Vorgehen beschreiben die Studierenden so: „Wir werden eine Serienfolge präparieren – einmal mit Untertiteln und einmal mit Gebärdensprach-Einblendung. Jede Versuchsgruppe erhält eine Version. Mit Hilfe eines Reglers können die Probanden dann einstellen, wie viel Spannung sie während der Rezeption empfunden haben. Wir werden zwischen 60 und 90 gehörlose Probanden befragen. Als Kontrollgruppe haben wir Hörende, die bestätigen sollen, dass der Stimulus Spannung erzeugt.“

„Wir wollen herausfinden, wie gehörlose Menschen audiovisuelle Spannung erleben, und ob ein audiovisueller Stimulus, der mittels Untertiteln bzw. Gebärdensprach-Einblendungen zugänglich gemacht wird, für gehörlose Rezipienten genauso spannend ist wie für Hörende, die die Tonspur zur Verfügung haben. Außerdem interessiert uns in unserer Studie, wann das Spannungserleben gehörloser Menschen, das durch audiovisuelle Stimuli vermittelt wird, stärker ausgeprägt ist: wenn der Ton mittels Untertitel substituiert wird oder mittels Gebärdensprach-Einblendungen?“

Nun sammeln die Studierenden Geld für ihre Studie. Auf der Crowdfunding-Seite Sciencestarter werben sie um Unterstützung. 1500 Euro sollen zunächst gesammelt werden, damit ein männlicher und ein weiblicher Gebärdendolmetscher finanziert werden können, die die Übersetzung der Serienfolge übernehmen und an den Versuchstagen vor Ort sind, um mit den Probanden lückenlos zu kommunizieren. Warum jemand das Projekt unterstützen sollte? „Unsere bisherigen Rückmeldungen aus der Gebärdengemeinschaft zeigen: Das Thema ist sowohl kommunikationswissenschaftlich, als auch sozial relevant. Aus Kostengründen verschieben die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten immer öfter das ohnehin schon sehr einseitige Angebot für Gehörlose ins Internet – damit werden ältere Menschen, die aber häufiger von Gehörlosigkeit und Schwerhörigkeit betroffen sind, gezielt ausgegrenzt“, berichten die Studierenden. „Wir möchten mit unserem Projekt dagegen steuern und auf diesen Wandel aufmerksam machen. Denn Medien gehören zum Alltag dazu und sollten in einer Demokratie wie der unsrigen allen Bevölkerungsruppen barrierefrei zugänglich gemacht werden.“

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